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Studien legen es nahe. Placebo-Pillen helfen bei vielen Krankheiten. Selbst bei Depression. Selbst bei Depression? Einem Artikel der Süddeutschen Zeitung habe ich in dieser Hinsicht widersprochen und entsprechenden Kommentar eingereicht: Depression ist eine häufig tödlich verlaufende KrankheitUnbenommen ist die Wirkung der „körpereigenen Medikamentierung“, wie man den Wirkmechanismus des Placebos auch nennen könnte, in vielerlei Hinsicht, selbst bei Krankheiten wie der Depression. Allerdings sind hier die Spielregeln andere. Depression ist eine häufig tödlich verlaufende Krankheit. Ursache ist die Depression, in deren Folge massive Suizidgedanken, vor allem bei Nichtbehandlung, bei Erkrankten breiten Raum einnehmen. Aus Selbstbetroffenheit – vgl. www.depressionsblog.com – beruht unter anderem diese Erkenntnis. Bezüglich der Depression gibt es verschiedene Schweregrade. Hinter dem Begriff Depression verbirgt sich vieles von der leichten Depression bis hin zu bipolaren Störungen, wie das neudefinierte Krankheitsbild der manisch-depressiven Erkrankung lautet. Ein einheitliches Bild im Bereich der neuronalen Störungen liegt gerade nicht vor, sondern nur sich überschneidende Ausprägungen verschiedener Symptome. Weiter stellt sich ein logischer Einwand wider die Verabreichung von Placebos bei Depression. Nach herrschender biochemischer Erklärung der Depression ist diese zumeist genetisch bedingt. Inwiefern also Placebos genetische Defekte dauerhaft zu kurieren in der Lage wären, erschließt sich mir nicht. Dies lenkt weiter auf einen anderen Aspekt der Depression. Zumeist begründet die Erkrankung eine lebenslange Einnahme von häufig mehr als nur einem Psychopharmaka-Präparat – täglich. Verabreicht werden neben Antidepressiva immer öfter Stimmungsstabilisatoren. Daß Placebos ein Leben lang wirkten, kann ich mir nicht vorstellen. Allenfalls wenige Tage bis wenige Wochen. Anders als bei gewöhnlichen und nach kurzer Zeit geheilten Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen, von deren Heilung ein Patient ohnehin überzeugt ist, allenfalls der Zeitverlauf ist zweifelhaft, leiden Depressive unter einer stark ausgeprägten Hoffnungs- und Sinnlosigkeit des Lebens. Angezweifelt wird alles und jedes. Darunter auch vor allem Medikamente – keine gedeihliche Basis für Placebos. Auch ist bekannt, daß gerade Psychopharmaka über Wochen hin langsam aufdosiert werden müssen, bevor sie wirken können. Daraus ergibt sich auch eine geringere therapie-konforme Einnahme der Medikamente (sog. Compliance). Um zur Behandlung der Depression zugelassen zu werden, müssen hierzu eingesetzte Medikamente signifikant über dem aus Doppel-Blind-Studien überprüften Placebo-Effekt liegen. Gerade daraus erschließt sich auch, daß Placebos nicht wirklich eine große Rolle bei Depression spielen, zumal die Krankheit nicht vollständig heilbar, sondern nur die Symptome linderbar sind – ein Leben lang. Fraglos hilft der Glaube an sich selbst dank der Unterstützung durch Tabletten bei Depression. Darauf verlassen darf man sich nicht. Im Zweifel endet dieser Glaube, wie ausgangs geschildert, tödlich – also gänzlich gegensätzlich zu einem Schnupfen oder Kopfschmerzen im gewöhnlichen. Update (20.2.2007): Folgender Artikel bildet das sarkastische Gegenstück zum Placebo-Effekt.
Comments:
6 Comments posted on "Wie man mit nur 1 Pille nahezu jede Krankheit loswird – todsicher…"
Ulf on February 19th, 2007 at 8:17 pm #
Das kann ja wohl nicht wahr sein!!! [Zitat SZ]Immerhin 46 Prozent aller Ärzte hielten Placebobehandlungen für ethisch vertretbar. [/Zitat] Ich nicht. Weils letztendlich Irreführung des Patienten ist.
Rene Kriest on February 20th, 2007 at 1:30 pm #
Absolute Frechheit, oder? Sicherlich spielen “Glaubensfragen” stets eine Rolle bei Medikamenten – aber wie wäre es denn, die aufgeführten Sprüche zusätzlich auch bei “echter” Medizin aufzusagen? Dann müßten diese doch doppelt so gut wirken.
Susanne on February 20th, 2007 at 7:51 pm #
Ja, warum nicht bei Krebs ein Placebo, wenn es nicht wirkt und hilft, hat es sich ja dann bald erledigt
Martin on February 20th, 2007 at 8:58 pm #
Hallo René, hallo Susanne, ja, der Glaube mag Berge versetzen. Sicher kann man bei hypochondrisch veranlagten Menschen mit Placebos etwas gegen die vermeintlichen Erkrankungen ausrichten – wenn ich aber an einer realen Krankheit leide, dann brauche ich keine Speisetärke zu futtern – selbst wenn sie einen tollen Namen bekommt. Störungen in der neuralen Verbindung lassen sich ja auch nicht mit warmen Umschlägen behandeln. Das Kernproblem liegt für mich hier an ganz anderer Stelle: nämlich in der immer noch mangelnden Akzeptanz und Anerkennung von Depressionen als Krankheit. Mit gebrochenen Knochen oder einer satten Erkältung können die Menschen was anfangen, die Anzeichen dafür sind ja auch einfach zu identifizieren. Krebs oder ein Bandsscheibenvorfall sind zumindest anhand von Röntgenbildern oder ähnlichem grobstofflichen Darstellungsmaterial nachzuweisen. Aber seelische Erkrankungen? Nein, die kann man nicht sehen, und die Betroffenen sind eh’ einfach nur ein bisschen gaga. Naja, und solche armen Irren wie Depressive, Maniker, Bipolar Gestörte oder sonstige Bekloppte, die braucht man nicht zu behandeln, die haben ja nicht wirklich was, die sind eben nur ein bisschen bekloppt. Da reichen Zucker, Speisestärke und Kochsalzlösung allemal, nicht? Sorry, ich merke grade, dass ich gar nicht so viel fressen könnte wie ich kotzen möchte, wenn ich solche Berichte lese… M.
Susanne on February 21st, 2007 at 8:18 am #
Ja es ist einfacher, eine “richtige Erkrankung” zu haben, die sich per Röntgengerät, MRT, Sono, EKG, Blutuntersuchung u.s.w. einwandfrei nachweisen lässt
Theresa on March 16th, 2007 at 7:55 pm #
Ja, ich glaube dieses Denken ist nicht nur in der Allgemeinheit sondern auch bei vielen Ärzten noch verankert. Mein Hausarzt hat mir heute das Paroxatrezept verweigert mit der Feststellung, das das ja süchtig mache und 1 Jahr Dauereinnahme genug seinen. Er schrieb mir dann doch noch 20! Tabletten auf, die ich bei Bedarf! nehmen soll. Ein Witz bei einem Präparat, das ja erst einen gewissen Spiegel erreichen muss um zu wirken. Für Menschen, die sowieso genug Probleme haben ist der Kampf um die Behandlung doppelt schwierig. Post a comment
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