|
Freundschaften unterliegen dem Wandel. Gesellschaftlich hat der Wert Freundschaft einen hohen Stellenwert. Freunde geben Kraft, bilden eine Art Familie, andererseits sind die freundschaftlichen Verhältnisse nicht immer frei von Konflikten. Konflikte stehen in keinem Widerspruch zu Freundschaften, im Gegenteil. Der Wert einer Freundschaft läßt sich gerade auch an der Fähigkeit zur Versöhnung bewerten. Gleichwohl bin ich der Ansicht, daß Streit für sich genommen überflüssig ist. Gegenüber der Familie haben Freundschaften den großen Vorteil, daß sie auf Zeit geschlossen werden. Entweder für immer, im zeitlichen Idealfalle, oder nur vorübergehend. Teils verlaufen sich Freundschaften von sich aus im Sand, teils scheitern Freundschaften an Umzügen, Interessenswechseln oder hinzutretenden neuen Prioritäten wie die Frau oder der Mann als auch ein Kind. Wichtigstes Kriterium einer Freundschaft ist für mich seit meiner Depression die mentale Unterstützung. Aus Büchern heraus bezog ich die Anregung, daß in der Welt nichts schlimmer sein könne, als von negativ denken Menschen umgeben zu sein. Mit negativ denkenden Menschen meine ich keinesfalls Depressive, im Gegenteil. Gemeint sind damit weit eher jene Personen, die sich bewußt für Destruktivität und Herabsetzunglust entscheiden. Wohltuenden Kontrast bilden jene Menschen, die anerkennen, daß es keine fehlerlosen Menschen gibt und die stets darum bemüht sind, daß auch andere Menschen Erfolg haben werden und vor allem der Ansicht sind, daß das Glas stets halbvoll sei. Jüngst erst habe ich einer sehr guten Bekannten die Freundschaft gekündigt. So formell es klingt, so formell vollzog es sich gen Ende hin auch. Noch nie in meinem Leben habe ich diesen Schritt, der einer Vertragskündigung gleichkommt, vollzogen. Sonst konnte ich mich immer anderweitig aus der Affäre ziehen, indem man sich weniger sah und telephonierte bis man irgendwann überhaupt keinen Kontakt mehr pflegte. Dieses Mal war es anders. Vorausgegangen waren massive Anwürfe derb-beleidigender Ausprägungen, die ich nicht zu tolerieren gewillt war derart, daß ich mich auf Ursachenforschung begab. Was steckte hinter den Vorwürfen? Weshalb erging sich die andere Person derart massiv in Beleidigungen? Wie konnte das passieren, so ankündigungslos vor allem? Nachfragen, Bitten um Erklärung, Aufrufe zur Mäßigung, Friedensangebote und Kompromisse wurden allesamt ignoriert. Statt dessen wurde weiter auf mich eingedroschen, auf einmal wurden sogar Forderungen abgegeben und Drohungen in den Raum gestellt, bis hin zu anwaltlichem Rückgriff für was auch immer. Mit Superlativen, wie schlecht ich doch sei, wurde nicht gegeizt, im Gegenteil. Auf diese rhetorische Ebene begab ich mich nicht, sondern schränkte den Kontakt ein. Bis heute weiß ich nicht, was die andere Person zu solch einer Übermaßhandlung bewogen hat, die sich innerhalb nur weniger Wochen abspielte. Aus einer vertrauensvollen Freundschaft wurde ein Trümmerhaufen, zumal auch keinen Meter Einsicht gezeigt worden war. Bewußtgeworden ist mir nur eines: über das eigene Glück entscheidet man selbst, in jeder Sekunde. Und Freundschaft bedarf aus meiner Sicht gewisser „Gesetze“. Diese bilden die Grenze dessen, was man selbst zu ertragen bereit ist, den Grundkonsens also. Es geht nicht um Hilfe und Unterstützung in einer schweren Lage, sondern um das, was nach Abzug aller Lebensumstände übrigbleibt. Für mich ist das eine positive Grundhaltung dem anderen gegenüber. Das ist für mich eine Frage des Vertrauens. Mit anderen Worten: ich lasse mich von niemandem schlechtmachen noch schlechtreden. Fehler passieren, jedermann, mir wie auch anderen. Nimmt man diese jedoch innerhalb einer Freundschaft zum Anlaß, wiederholt und ohne unterlaß jemanden in seinem Selbstwertgefühl zu kränken, ist für mich der Punkt erreicht, wo das Vertrauensverhältnis Schlagseite erleidet und kentert. Die Erkenntnis nämlich lautet, daß neue Freunde kommen und daß man sich ebenso wie seine Gedanken auch die Freunde aussuchen kann. Loyalität steht einer Trennung nicht im Wege. Loyalität ist das Ergebnis der wechselseitigen Stabilisierung. Loyal zu sein bedeutet für mich, daß mich der anderen nicht persönlich herabsetzt. Für meine Psycho-Hygiene und meinen Seelenfrieden war das eine sehr wichtige Erfahrung. Mir geht es nun wesentlich besser. Verloren habe ich nichts. Aufgeben mußte ich auch nichts. Nur eine Entscheidung treffen. Für mich alleine. Die anderer Person hatte diese bereits getroffen und entsprechend den Weg bereitet, den ich sodann verließ, höflich, aber bestimmt. Ohne Schuldgefühle, im Gegenteil. Das war ich mir wert. Um andere ging es nicht mehr. Ich tat es für mich und mein Glück. Es klingt abgedroschen, jedoch trifft es folgende Floskel am besten: Wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr.
Comments:
6 Comments posted on "Wann und wie man sich von Freunden trennen sollte"
Niki on April 7th, 2007 at 8:48 am #
Lieber René, ein toller Beitrag. Ich möchte ihn ergänzen um ein „Statement für mich selbst“, das ich vor zehn Jahren formulierte und seither schon anwenden musste oder durfte?….. Viele Grüße Niki Statement für mich selbst In puncto konstruktiver Lebens-Bewältigung, weiß ich, daß mir so schnell niemand diesbezüglich an Intensität, Effizienz und Erfolg nahe kommt. Alle Fortschritte sind und waren mit teils unendlichem Energieaufwand verbunden, dabei auch mit sehr vielen tiefen, emotionalen Schmerzen. Ich akzeptier(t)e diese Schmerzen als wichtigen Bestandteil meines menschlichen und dabei emotionalen Wachstums. Jedoch unterscheide ich hier ganz klar zwischen den Schmerzen, die zubestimmt und notwendig, und solchen, die als unnötig und überflüssig zu werten sind. Unnötig sind solche, die ich erleiden muss, weil mein Gegenüber nicht willens oder fähig ist, sich in empathischer Weise meinen Beladenheiten anzunähern und anzustreben, mir das Verständnis entgegen zu bringen, das ich in einer Freundschaft erwarten kann und muss. Wer mir - Männlein, Weiblein, oder dazwischen einzustufen, Freund oder Weselchen - solche unnötigen Schmerzen wissentlich verursacht oder momentan noch verursachen kann, den entferne ich radikal aus meinem emotionalen Umfeld. Ich dulde dies nicht mehr. Hier ist mein Energie-Reservoir, mein diesbezüglicher Brunnen in seiner Ressourcen-Fülle, begrenzt. Die Energie für meine Liebe, Geduld, mein Verständnis und die täglich gelebte Umsetzung meines tiefen Wunsches, anderen liebevoll beizustehen und zu helfen, schöpfe ich aus diesem Brunnen. Und diese wertvollen und wunderbaren Energien sollen denen zukommen, die bereit sind, zu erkennen, sehend zu werden, sich auf den Weg zu machen. Stehenbleibern und emotionalen Zombies kann, will und werde ich davon nichts mehr geben!!!
Rene Kriest on April 7th, 2007 at 2:55 pm #
Danke, Niki, für Deine Worte! Du hast es schön bildlich ausgedrückt. Sofern die Hauptquelle einer Person betroffen ist, ausgelaugt zu werden, ist es spätestens Zeit, das zu ändern. Das Brechen mit jemandem sollte gewiß Ultima ratio sein, doch darf man es nicht im voraus kategorisch ausschließen. Es geht um einen selbst. Loslassen bedeutet auch, nach vorne zu sehen und für sich zu entscheiden, was man tun möchte und was nicht. Wer sich vom Zwang und Druck Dritter hierbei beeinflussen läßt, begibt sich vieler Möglichkeiten. Viele Grüße und schöne Ostern, René
Susanne on April 9th, 2007 at 9:23 am #
Wenn jemand länger depressiv ist, hat er bald keine Freunde mehr, da er sich immer mehr zurückzieht und sich diese Angelegenheit “Freunde” bald von selber erledigen wird.
ina on April 9th, 2007 at 10:33 pm #
@ Susanne:
Susanne on April 10th, 2007 at 8:08 am #
nein, man ist daran nicht alleine schuld, aber man ist als depressiver im Nachteil, eben weil man sich anders verhält und sich nicht anders verhalten kann.
Niki on April 10th, 2007 at 8:21 am #
@ Susanne & ina Servus ihr Zwei, ich denke, es hat überwiegend damit zu tun, dass es so wenige Menschen gibt, die uns Verständnis entgegenbirngen (können/wollen). Aber, grade da scheidet sich die Spreu vom Weizen. Insofern ist es, wenn wir nicht von uns aus erkennen, wer Freund ist und wer nicht, eine Chance, beim Ausmisten unterstützt zu werden. Eine Chance, zu erkennen, wer dann noch bleibt. Wie heißt es so schön und auch richtig: “Ein Freund ist ein Mensch, der dich liebt, obwohl er alles von dir weiß!” Ich habe es mir schon lange “angewöhnt”, genau hinzuschauen und -fühlen, wenn jemand in meinen Umkreis kam/kommt, der “in Frage” käme, ein Freund zu werden/sein. Ich offenbare auch sehr schnell meine Beladenheiten, um gleich klarer zu sehen. So bleiben dann wenige übrig, aber es kommen neue dazu - überwiegend dann Menschen, die wirklich verstehen können, entweder, weil sie selbst betroffen sind oder aber weil sie wirklich und ehrlich teilhaben wollen an mir, weil sie empathische Fähigkeiten nutzen oder ausbauen und sich Wissen aneignen. Weil sie auch genug Liebe mitbringen, um dies leisten zu können. Liebe ist ja eine Form von emotionaler Energie, die über viele Facetten verfügt. Die Chancen zu erkennen und auf neuen Wegen Begegnungen zuzulassen, das ist denk ich ein guter Ansatz - auch und grade für einen depressiven Menschen. Liebe Grüße Post a comment
|