Ausdauer ist die Fähigkeit, selbst widrigste Lagen, die zwischen Start und Ziel liegen, zu überwinden. Langstreckenläufer etwa benötigen körperliche als auch mentale Ausdauer, um eine an sich nicht der menschlichen Fortbewegung entsprechende Tätigkeit zu verrichten. Wer hat nicht die Bilder schmerzgeplagter, aber gleichwohl erleichterter Läufer kurz nach der Zieleinkunft vor Augen? Innerlich brodelt es in den Läufern und man kann deren Anstrengung auch hören.

Was aber bedeutet es für Depressive, Ausdauer zu entwickeln? Zunächst einmal stellt sich die Frage, was Start und Ziel darstellen. Startpunkt dürfte der gegenwärtige Zustand sein. Mit dem Zieleinlauf verbinde ich nichts Negatives, also etwa Suizid-Maßnahmen, sondern im Gegenteil Linderung der Symptome, bis hin zum vollständigen Verschwinden dieser.

Auf dem Weg liegen zahllose Hürden. Mental ist es unerläßlich, sich auf das Ziel einzuschwören. Zu dieser Zielfixierung gehört auch, daß man erfahrenes Leid auf dem Weg dorthin annimmt. Vertrauen auf Symptomlinderung, ohne zu wissen, wie lange der Weg zeitlich andauern wird als auch Nehmerqualitäten sind also gefragt. Und das dürfte der heikelste Punkt des ganzen sein.

Depression und Ausdauer – paßt das wirklich zusammen?

Wie war das bei mir? Nun, ganz einfach. Ich war abgestürzt, und konnte nach meiner Ansicht nicht wirklich tiefer fallen, also noch mehr weltliches Leid ertragen. Die Hoffnungs auf genau das, was ich zu entwickeln hatte, nämlich Symptom-Linderung, hatte ich gänzlich fahren lassen, ganz gleich ob mit oder ohne Diagnose meiner Krankheit. Folglich stand ich vor der Wahl, in den sicheren Suizid abzurutschen oder ein anderes Ziel ins Auge zu fassen, das da hieße anzukämpfen wider meine Krankheit.

So einfach sich das anhören mag, so einfach war es auch in der Praxis. Es bedurfte nur etwas Geschick. Als ich den Entschluß faßte, zu kämpfen, entwickelte ich einen Zeitplan, an den ich mich von Anfang an hielt. Zwei Jahre gab ich mir, alles auszuprobieren, was an wirksamen Methoden auf dem Markt erhältlich war, auszuprobieren. Wenigsten eine beträchtliche Linderung wollte ich hierbei erreichen. Erst dann wollte ich erneut resümieren und entscheiden, was nun zu tun sei.

Wer mit dem Rücken zur Wand steht…

Dahinter steckte der Gedanke, daß ich mich immer noch umbringen konnte, sofern meiner Krankheit nicht deutlich beizukommen wäre. Demnach wäre schlimmstenfalls der Suizid nur aufgeschoben worden, bestenfalls konnte ich alles gewinnen. Bildlich gesprochen stand ich mit dem Rücken zur Wand. An dieser konnte ich hinabsinken und zerbrechen oder mich mit meinem letzten mir zur Verfügung stehenden Kräften kühn abstoßen und mich auf das Abenteuer Krankheitsbekämpfung einlassen.

Das war die mentale Seite des für mich entwickelten Ausdauerkonzepts. Körperlich kam ich für mich darüber ein, daß ich mich nicht auf halbherzige Experimente, wie sie für mich homöopathische und sonstige kräutergestützten Therapien darstellten, einlassen würde. Schließlich lag bei mir eine (sehr) schwere Depression vor und der evaluierte, das heißt wissenschaftlich gesicherte Stand der Medizin war zu diesem Zeitpunkt, daß Medizin aus dem Bereich Psychopharmaka Mittel der Wahl sein würden.

Die Wahl der Mittel: Psychopharmaka

Angst vor Medikamenteneinnahme wäre hier kontraproduktiv gewesen. Gott sei Dank besaß ich diese niemals. Dementsprechend stellte diese auch keine Hürde für mich da. Fortan las ich sehr viel über Psychopharmaka und versuchte mein eigener Psychiater zu werden. Anhand dieses Vorbildes richtete ich meine persönlichen Therapiepläne aus. Vorschläge bei der Medikamentenwahl unterbreitete ich deshalb meinem Psychiater, der schlußendlich aus der Rolle des Supervisors, der meinen Heilungsprozeß alleine leitete und überwachtem, für mich mehr und mehr zu einem kollegialen Partner wurde, der auch akzeptierte, daß ich experimentieren wollte. Für diese Form der im Wortsinne Zusammenarbeit bin ich meinem Psychiater, Herrn Dr. Kanthak aus Bad Soden/Ts. dankbar verbunden.

Die Entscheidung, Paroxetin (Paxil/Paroxat) als Antidepressivum zu nehmen, kam von ihm. Bis dato war ich als (unipolar) depressiv eingestuft worden. Erst durch das viele Lesen oder besser: studieren von Informationen über die Depression aus klinischer Sicht entdeckte ich bei mir eine (hypo-) manische Sicht. Mit dem Befund ging ich zum Psychiater und sprach die Symptomatik kritisch durch. Seitdem war ich präziser auf manisch-depressiv (bipolar II) diagnostiziert worden.

Daraus folgte auch, daß ich einen Stimmungsstabilisator, nämlich Lamotrigin (Lamictal) erhalten sollte. Vorgeschlagen wurde dieses Mittel von mir, nachdem ich seitens Monica in einem Forum hierzu entsprechende Informationen erhielt. Ein genialer Tip, wie sich herausstellen sollte.

Die ersten 10 Monate des Weges vergingen

So schwang ich mich binnen 10 Monate (Mai 2006 begann meine Therapie beim Psychiater) von Erfolgserlebnis zu Erfolgserlebnis. Doch wo waren die Hürden? Wo waren die Abgründe meiner Depression geblieben? Sie waren da, und das nicht zu knapp. Oft haderte ich mich mit und auch meinen Psychopharmaka. Mut gaben mir nur mein Zeitplan und der feste Glaube, daß der tiefe Schmerz, der durch den Stachel Depression ausgelöst wird, nur vorübergehender Natur sein würde. Zwei Jahre, nur diese Zeitspanne wollte ich gewissermaßen im Extremfalle Masochist spielen.

Mittels Selbsthilfetechniken begann ich, Rückschläge konstruktiv zu verarbeiten. Nicht mehr auf negativen Erlebnissen verweilte ich, sondern nahezu ausschließlich auf Erfolgserlebnissen. Diese stellten sich von selbst ein, wenn man ihnen nur Beachtung schenken würde. Und genau das tat ich.

An Psychopharmaka und weiteren Mitteln habe ich während dieser Zeit unter anderem folgende konsumiert:

  • Sertralin (Zoloft)
  • Paroxetin (Paxil/Paroxat)
  • Lamotrigin (Lamictal)
  • Modafinil (Provigil/Vigil)
  • Medikinet (Ritalin, Methylphenidat)
  • Bibliotherapie

Aus meiner Sicht denke ich, daß mein fester Wille und auch die bewußte Entscheidung, daß mir Psychopharmaka helfen würden, einen entscheidenden Vorteil brachte, der mir bei der Linderung meiner Symptome einen Vorteil brachte.

Wie geht es Dir denn heute im März 2007?

Heute, das heißt am 22.3.2007, fühle ich mich blendend und erholt. Noch sind die zwei Jahre nicht herum. Doch mein erstes Fazit lautet: Gut gemacht, René. Ich bin stolz auf mich. Stolz vor allem deshalb, weil ich Perspektive in der Not entwickelt habe. Und stolz bin ich auch deshalb, da diese Methode jeder für sich nutzen kann. Sie steckt in Dir drin. Nur freischaufeln mußt Du sie selbst.

Ausdauer entwickelst Du, indem Du nutzt, was Dir die Medizin bietet. Du hast ein Recht auf Glück. Ob und wie Du es nutzt, mußt Du entscheiden. Oftmals hilft eine kleine Änderung des Kompasses. Probiere es aus, denn was ich kann, kannst Du schon lange! :)



Comments:
2 Comments posted on "Von der Kunst, Überlebenswillen und Ausdauer im Angesicht des drohenden Todes zu entwickeln"
Martin on March 23rd, 2007 at 8:19 pm #

Hallo René & LeserInnen,

das Thema “Antideprssiva” kann ich nur unterschreiben. Nichts ist so hilfreich wie eine gut dosierte Medikation, wenn man denn das passende Medikament gefunden hat. Und da liegt oftmals die Krux, denn das AD, was mir hilft, muss Dir noch lange nicht helfen und bei anderen kann es sogar gänzlich kontraproduktiv sein.
Mein Hof-Medizinmann hat mir als erstes Fluoxetin verschrieben, was meine eh’ schon angeknackste Seele noch mehr belastete, weil ich nach seiner Einnahme zappelig und nervös wurde und außerdem (das ist bei Männern dann ein eechtes Thema) impotent war wie ein Gummibärchen. Mein Doc war verwundert, als ich ihm von den Nebenwirkungen erzählte und schilderte mir, dass es bei Antidepressiva eben keine wirklich wissenschaftliche Methode gäbe, herauszufinden, welches Antidepressivum bei welchem Patienten wirke. Man sei als Arzt darauf angewiesen, auszuprobieren, was geht und was nicht. Selbst bei den Patienten könne man da kaum auf Verständnis hoffen, denn die meisten seien es gewohnt, die passende Medizin zur Krankheit zu bekommen; hier geht das eben leider nicht.
Mir hat er dann Trimipramin verschrieben - mit 25mg recht niedrig dosiert und dennoch nur abends zu nehmen - und: es wirkt. ich darf zwar abends keine Cola oder alkoholische Getränke zu mir nehmen, weil ich sonst innerhalb von Minuten einschlafe, aber ansonsten ist das Zeug bei mir absolut nebenwirkungsfrei. Juchhei!
Seit ich das Zeug nehme (es sind jetzt einige Wochen), sind meine Depressionsschübe erheblich gedämpft - und seit Beginn meiner Psychotherapie weiß ich auch, dass es irgendwann in ferner Zukunft auch mal aufwärts gehen wird.


[…] genauso geht es mir gerade. In solchen Momenten zählen Blog-Einträge wie “Von der Kunst, Überlebenswillen und Ausdauer im Angesicht des drohenden Todes zu entwickeln” zu meinen Lieblingslektüren. Leider helfen sie mir nicht, sondern sind eher […]


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