Jeder Mensch, ob depressiv oder nicht, hadert zu einem gewissen Zeitpunkt in seinem Leben über Geschehnisse, welche man gemeinhin bereut. Ganz gleich, in welchem Umfang, ob stark oder weniger ausgeprägt, man denkt, durch eine andere Entscheidung in der konkreten Lage wären gewisse Lebensumstände anders beeinflußt worden.

Naturgemäß wähnt man sich in einer schlechten Verfassung und dünkt bei sich, es hätte einen besser treffen können, wenn man dies und nicht jenes getan hätte. Doch weshalb lamentieren? Weshalb Vergangenem und damit nicht mehr rückgängig zu Machendem nachhängen, gar nachtrauern?

Sinnfragen

Größte Hürde bei der Beurteilung solcher Sinnfragen dürfte die Fallhöhe der jeweiligen Entscheidung sein. Handelte es sich um eine wohl einmalige Chance als auch schwerwiegende Vorkommnisse, etwa einen verpaßten Lotto-Gewinn, aber auch um Unfälle mit beträchtlichen Folgen, die jeweils für sich das Leben von Menschen gravierend ändern, oder ging es um vergleichsweise Dinge geringer Auswirkung, die sich unter etwas anderen Umständen ähnlich wiederholen ließen, wie ein geplatztes Date, ein wegen Krankheit versäumtes Konzert?

Man gelangt je nach Szenerie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Jemand, der im Rollstuhl wegen eines von dritter Seite verschuldeten Unfalls gelandet ist, wird dies keinesfalls als Geschenk Gottes betrachten, zumindest nicht auf den ersten Blick. Zu sehr mag die Pein und Mühsal der Verluste an körperlichen Annehmlichkeiten die noch vorhandenen Lebensanreize überwiegen. Wiederum andere Menschen stecken scheinbar große Schicksalsschläge wie den Verlust eines Beins oder eines Armes scheinbar weg, daß man nur staunen kann. Manche Lotto-Gewinner werden gerade durch das vermeintlich mit dem Geld erzeugte Lebensglück ins Unglück gestürzt, denn Geld kann persönliche Zufriedenheit niemals ersetzen.

Tatsächlich spielt das Ereignis als solches nur eine untergeordnete Rolle. Weit wichtiger ist die individuelle Bewertung des oder der Geschehnisse. Von 100 Menschen reagieren diese auf dasselbe Ereignis gänzlich unterschiedlich. Von diversen Katastrophen, angefangen bei Entführungen vieler Geiseln, als auch Flugzeug-Entführungen, sind Berichte und Studien angefertigt worden, welche das eindrucksvoll belegen. Pionierarbeit auf diesem Forschungsgebiet hat Viktor Frankl geleistet.

Erlebniswahrnehmung, Erlebnisverarbeitung

Relevant scheint also die Verarbeitung des Erlebnisses zu sein. In einer ähnlichen Lage befinden sich viele depressive Menschen. Während des vergangenen Jahres alleine habe ich schätzungsweise 300 Einzelschicksale kennengelernt, manche sehr intensiv, andere geringer ausfallend in ihrer Intensität.

Basis der gemachten Erfahrungen war, daß viele Menschen sozial und finanziell als auch familiär nicht nur unerhebliche Einbußen erlitten im Vergleich zu früheren Jahren, in welchen die Depression sie nicht so sehr beeinträchtigte oder noch nicht ausgebrochen war. Drei Sektoren, die für so ziemlich für jeden Menschen wichtig sind, wurden also negativ beeinflußt.

Nimmt man dies nicht als gegeben hin und akzeptiert diese Umstände nicht, kann man auch nicht gegensteuern. An irgendeinem, selbstverständlich frühstmöglichen Punkte, sollte man initiativ werden, und die Depression bekämpfen. Anhand meines sicherlich für verpaßte Chancen reichhaltiges Leben läßt sich dies mustergültig ergründen. Unlängst verfolgte ich die fehlende Einsicht und die Schicksalsvernarrtheit in der psychiatrischen Klinik an einem Nachbartisch. „Wäre X anders verlaufen, wäre ich aufs Gymnasium gegangen, hätte Abitur gemacht, hätte studiert und…“ Ich breche lieber ab.

Ich bereuen gar nichts mehr

Sollte ich meinen Nackenschlägen nachjagen, wie all die Jahre zuvor? Für mich erscheint die Depression zum Teil mittlerweile tatsächlich als ein Glücksfall. Denkte ich diese weg, gäbe es diesen Blog nicht, ich hätte mich wohl nicht der Schriftstellerei verschrieben. Um im Bild zubleiben: von Thomas Mann fällt mir ein Ausspruch ein, wonach alles Leben „ein Trotzdem, ein Dennoch“ sei. Trotz Krankheit, trotz Behinderung (gemeint war etwa Nietzsche, dessen glühender Anhänger er war), hält man an seinen Plänen fest und läßt sich von der Unbill körperlicher Beeinträchtigungen nicht behindern. Insofern gewinnt der Ausspruch „Behindert ist man nicht, behindert wird man“ Sinn. Allerdings kann man ihn auch anders ausschreiben: „Behindert ist man nicht, behindern läßt man sich nur selbst.“

Keinesfalls will ich Schicksalsschläge kleinreden oder gemeinhin gutheißen. Anregen und Kraft spenden möchte ich, sich nicht selbst aufzugeben und darauf zu insistieren, daß zwischen Schicksalsschlag und dem – gegebenenfalls durch Suizid erzwungenen – Tode einer Zeitspanne vielfältige interessante Entdeckungen liegen, die das Leben dennoch lebenswert machen. Ohne die Erfolgsgeschichten unzähliger Schicksalsgeplagten, hätte ich diesen Artikel niemals geschrieben. Deren Blick richtete sich nicht auf die Frage nach dem Sinn, und damit ob es mit ihrem Leben weitergeht, was alleine medizinische Frage ist, sondern wie ihr Leben konkret und möglichst produktiv weitergehen kann.

Meine Vorbilder

An anderen Menschen, an Vorbildern, an welchen ich mich mental aufrichten konnte, habe ich gelernt, meine Depression nicht zu bereuen, sondern mit ihr für die Zukunft gewappnet zu sein. Größte Vorbilder sind für mich in dieser Hinsicht die sogenannten Rolli-Fahrer, also Menschen die körperlich an den Rollstuhl „gefesselt“ sind. Alleine die Zukunft kann ich, sofern ich meine Beeinträchtigung, die die Depression darstellt, hinnehme, wirksam beeinflussen. Dies bedeutet, sich nicht mehr als Passivum, sondern als aktive gestaltende Persönlichkeit wahrzunehmen. Selbstbewußtsein ist nicht an äußere Umstände gekoppelt, es sei denn, man erblickt in Materialismus den Grad des Selbstbewußtseins.

Nichts mehr zu bereuen, das heißt vor allem, nicht mehr zurückzuschauen. Auszumisten, sowohl die Regale und Kisten in der Wohnung als auch den Kopf, sind einfache, aber sehr probate Mittel hierzu. Denk in Möglichkeiten, trotz Depression. Schau auf Deine zur Verfügung stehenden Fähigkeiten. Ich hatte sie, und Du hast sie auch. Meister sie, bildet sie weiter aus und laß Dich von niemand unterbekommen. Zwischen bereuen und freuen liegen nur ein paar Buchstaben. Was Du buchstabierst, ist Deine Sache. Zu Beginn steht die Therapie. Beginne mit dieser lieber sofort, als morgen, damit auch Du wieder zu neuen Kräften findest. :)



Comments:
3 Comments posted on "Vom Sinn des Lebens – weshalb ich meine Depression nicht bereue und glücklicher als je zuvor im Leben bin"
Niki on March 22nd, 2007 at 8:35 am #

Grüß dich Rene und alle anderen Leserinnen und Leser,

das ist wieder ein sehr ausgewogener und angenehmer Artikel. Und vor allem ist er so wunderbar motivierend. Ich schließe mich voll und ganz deinen geschriebenen Worten an.

Eines meiner Lieblingszitate, das ich gerne weitergebe, lautet:

„Du sollst die Vergangenheit als Sprungbrett benützen und nicht als Sofa!“ (Anton Sailer).

Ich bin alle Wege stets bewusst gegangen, bereue keinen Tag, kein Leid, kein Dickicht, durch das ich mich „schlagen“ musste/durfte, keine Talwanderung, und dauerte sie noch solange an. Es waren und sind zwei Freudinnen, die mich dabei begleite(te)n:

Die Patientia, die Geduld – ein Engel für sich.
Die gute Absicht – die immer irgendwann (in meinem Bild) hinter einem grünen Busch stand und mir lächelnd zuwinkte.
Von der ersten bewussten Begegnung mit letzterer wuchs auch das Vertrauen, schließlich die Gewissheit, dass sie immer wieder auf mich wartet. Auch jetzt.

Lieber Grüße
Niki


Rene Kriest on March 22nd, 2007 at 2:18 pm #

Hallo Niki!

Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar. Seinerseits motiviert mich Dein Kommentar sehr, auch weiterhin an meinen Zielen festzuhalten.

Dein Zitat gefällt mir sehr. Ich denke, die Gelegenheit wird sich rasch bieten, es auch mal in einem Blog-Beitrag einzuweben, denn schon jetzt habe ich es mir zueigen gemacht.

Liebe Grüße,

René


Niki on March 22nd, 2007 at 2:46 pm #

Grüß dich René,

vielen Dank für deinen Kommentar. Ich bin – wie immer – gespannt auf deinen nächsten Beitrag.
Du bist gesegnet mit der Gabe der schriftlichen Formulierung.

Hinzufügen zu meinen Worten möchte ich noch anfügen:

Innerhalb meiner derzeit seit mehr als 2,5 Jahren andauernden und wohl als Dysthymie zu bezeichnenden depressiven Phase, die ja nur einen Teil meines Wesens darstellt – wie ich denke, dass es so bei jedem Menschen ist, innerhalb dieser Phase durfte ich trotz schrecklichster Erfahrungen auch wunderbare neue Erkenntnisse gewinnen.

Die, besser erstmal meine Herausforderung ist, geduldig zu sein, an der richtigen Stelle das Passende zu tun. Ich weiß um die Nachhaltigkeit emotionaler traumatischer Geschehnisse und deren Reaktivierungen, die bei mir fast täglich in abgeminderter oder auch stärkerer Form geschehen. Ich habe gelernt, auch in einer Ausbildung hierzu, dass vieles hier “bearbeitbar” ist, vieles aber eben die Faktoren MUT und vor allem Geduld erfordert.

Es ist die Mischung aus jeder Art von effektiver professioneller Hilfe (nicht immer leicht zu finden!) und persönlichem inneren Aktionismus, der viel viel intrinsische und extrinsische Motivation erfordert. Zu der Motivation von außen tragen deine tollen Seiten hier bei.

Liebe Grüße
Niki


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