Robbie Williams, Sebastian Deisler und viele Prominente wie Nicht-Prominente sind an Depression erkrankt. Angehörige, Verwandte und Freunde tun sich schwer im Umgang mit Depressiven. Vor allem der Ausdrucksweise kommt hier einen Schlüsselfunktion zu. Oftmals unterscheiden Nuancen über eine für den Depressiven positive oder negative Botschaft.

46 Möglichkeiten habe ich aufgereiht, um bestimmte Erkenntnisse, Handlungen und Sichtweisen so darzustellen, daß nicht Depressive nachvollziehen können, wie ihre Erfahrungen und Aussagen bei Depressiven ankommen. Mit diesem Wissen sollte es Angehörigen erleichtert werden, mit Depressiven umgehen zu können, da das Verständnis vertieft wird.

Äußerungen zur Depression, Gedanken eines Depressiven:

Diese sind für einen Nicht-Depressiven vergleichbar mit, fühlen sich in etwa an wie:

Depression ist eine chronisch auftretende und lebenslang anhaftende Krankheit.

Vergleichbar ist die Krankheit Diabetes. Dagegen gibt es auch kein Heilmittel, sondern Linderungsmittel.

Täglicher Bedarf an Medikamenten eines Depressiven.

Insulin-Spritzen bei Diabetes

Einmalige Einnahme insbesondere von Antidepressiva hilft auf Dauer nicht.

Depression ist nicht wie Kopfschmerzen, sondern eher einer Salbe vergleichbar, die eine Wunde heilen soll mittels tagelanger Anwendung oder Antibiotika, die man teils zwei Wochen lang einnehmen sollte.

Starke Stimmungsschwankungen über den Tag hin

Geburtswehen: kommt das Baby oder nicht? Oder: minütliches oder stündliches Würfelwerfen bezüglich des Befindens.

Zufälliges Kommen und Gehen der Symptome

Wie eine Allergie bei Pollenflug oder Nahrungsmitteln. Es kann gut gehen oder nicht.

Erschöpfungszustände

Tagelanger Schlafentzug.

Traurigkeit

Tiefer Liebeskummer.

Sinnlosigkeit

Verlust eines sehr geliebten Menschen durch Tod.

Hoffnungslosigkeit

Lebenslange Freiheitsstrafe oder Todesurteil bei einer Geiselnahme.

Mutlosigkeit

Bestrafung, ganz gleich was man macht.

Gute Phasen

Schmerzfreiheit dank Morphium. Sobald die Wirkung der Medikamente nachläßt, sind die Symptome wieder da. Parallel zur guten Laune schwingt immer die Angst vor Rückfällen mit.

Antriebslosigkeit

Demütigende Langeweile; Entführung: gegen seinen eigentlichen Willen ist man zur Untätigkeit verdammt.

Pünktlichkeit alias Zuspätkommen

Größte denkbare Anstrengung, die ein Depressiver verrichtet, um den Regeln der Gesellschaft gerecht werden zu können. Ein sehr schwieriges Unterfangen vor allem aufgrund der Angststörung, Sozialphobie und Antriebslosigkeit der Depressiven.

Angststörung

Unerklärliche Todesangst.

Sozialphobie

Von jedem Menschen geht eine Bedrohung aus; Spießrutenlauf in der Öffentlichkeit. Ruhe und Zurückgezogenheit wird bevorzugt, Menschenansammlungen (= alles mit mehr als 2 Personen) werden gemieden.

Suizid

Ruhe, Friede, Freiheit, Erlösung – alles ist besser und schöner, als weiterzuleben.

Maßregel/Kritik an einem Depressiven ob gerechtfertigt oder nicht.

Stich ins Herz. Wird überwiegend persönlich genommen; man fühlt sich unfähig und für die jeweilige Aufgabe, ganz gleich wie einfach oder nicht, unangemessen.

Alltagsverrichtungen

Spießrutenlauf.

Psychotherapie

Dialyse bei Nierenkranken. Man geht immer wieder hin und Verbesserungen treten langsam ein.

Gedankenkreisen

Gehirnwäsche; derselbe Gedanke wird ständig wiederholt, ohne das man sich dagegen wehren kann.

Gedankensprünge

50 Dinge zu selben Zeit durchdenken.

Schlafen

Suizid-ähnlicher Zustand der Glückseligekeit.

Daß Nicht-Depressive Verständnis Depressiven entgegenbringen können…

…wäre für Depressive genauso großartig und ähnlich unmöglich, wie Deutschland 2006 Weltmeister geworden ist.

Angemessene Therapie und geeignete Unterstützung von Dritten zu erhalten.

Dreimal hintereinander den Jackpot beim Lotto knacken.

Nebenwirkungen der Medis

Einen Teil des Körpers für die Gesundung seines Geistes opfern. Es gibt niemals nur Vorteile ohne Nachteile bei etwa Antidepressiva.

Tagesdämmern.

Arzt

Hoffnungsträger und Richter zugleich.

Unverständnis über die Krankheit

Grob fahrlässige Diskriminierung und Benachteiligung der Depressiven; Verspottung.

Freude

Wort mit sechs Buchstaben. Sehr selten vorhanden.

Verzweiflung

Ausweglosigkeit infolge Unverständnis

Lächeln, lachen

Unerträgliche Qual.

Klinik

Ort, an dem einem Depressiven sehr viel Verständnis entgegengebracht wird und hoffentlich ebenso viel Linderung seiner Krankheit.

Benzos

Tafel Schokolade zwischendurch.

Antidepressivas, Mood-Stabilizer

Lebenselixier. Niemals ohne.

Selbsthilfegruppe

Zwillings-Brüder und Zwillingsschwestern. Verständnisvolle und inspirierende Gedankenatmosphäre.

Alleinsein

Zustand ohne äußeren Streß.

Arbeit

Unmoralisches Angebot; vielfach fühlt sich der Depressive überfordert.

Schlaftabletten

Ohne geht sehr häufig gar nichts mehr in Sachen ruhigen Schlaf.

Rückfall

Humor

Wie beim Losen: mal gewinnt man was, mal nicht.

Geburtstag

Weiteres Jahr ohne Suizid.

Zurückziehen und Gefühl der Hilflosigkeit, nicht verstanden werden zu wollen.

Einer der Sprüche, die kein Depressiver benötigt, im Gegenteil. Ein wenig Zuspruch und auch Stolz darauf, wie man sein Leben trotz der Widrigkeiten im kleinen wie im großen meistert, wäre weit mehr angebracht.

„Du bist nicht krank und schon gar nicht depressiv. Du redest Dir das nur ein.“

Und die Erde ist eine Scheibe…

„Ich weiß, was dir hilft!“

Jesus konnte Lepra-Kranke heilen. Du nicht. ;)

Welche Vergleiche und Sprüche zum Thema Konfrontation zweier Welten – Depressiver trifft auf Nicht-Depressiven – könnt ihr nicht ausstehen?



Comments:
10 Comments posted on "46 Möglichkeiten, die es Angehörigen erleichtert, mit Depressiven umzugehen"
Ulf on December 30th, 2006 at 9:40 am #

Was ich nicht abkann?
“Nur Mut”
oder gar “das wird schon wieder”
oder ein geheucheltes “wie geht es Dir” eines Verständnislosen.


Susanne on December 30th, 2006 at 1:12 pm #

Eine Depression gilt heute immer noch als sehr gut behandelbar und heilbar!
Nur bei einigen wenigen, wird oder ist sie chronisch.

Ich glaube aber nicht, das diese Auflistung es erleichtert,mit Depressiven umzugehen. Es könnte vielleicht etwas mehr Verständnis für Depressive aufgebracht werden, welches sich aber schnell wieder verliert, desto länger die Depression oder die depressive Phase anhält.

Ich denke für einen gesunden ist es auf Dauer nicht möglich oder zumutbar mit einem chronisch depressiven zusammenzuleben. Es würde dem Gesunden einfach nichts bringen.

Aber wer ist heute schon gesund ;-)


Judith on January 1st, 2007 at 2:26 pm #

Danke René für diese interessante Liste!
Vielleicht hilft diese Nichtdepressiven ja dabei, “uns” etwas besser zu verstehen?!
Aber leider kann ich mir kaum vorstellen, dass andere, so genannte “Normale”/ “Gesunde” wirklich verstehen können, wie es jemandem mit Depressionen geht.
Deine Liste werde ich trotzdem an meine Freunde und Eltern weiterleiten.

Viele liebe Grüße und danke,
Judith


gitarre on January 12th, 2007 at 10:21 am #

Ich finde, das suchen nach Analogien für nicht Depri Menschen ist sehr gelungen. Sie kommt sehr stark der Realität nahe. Leider reicht es nicht aus, wenn Angehörige dieses lesen würden. Der Mensch scheint das Leiden der anderen als Manko zu empfinden, mit dem man sich nicht “beflecken” soll


Martin on January 29th, 2007 at 3:31 pm #

Hallo René,

Dir ist vermutlich gar nicht klar, wie recht Du hast - auch wenn ich meine Tabletten noch nicht als meine Freunde bezeichnen kann und suizidales Gedankengut weit von mir schiebe - aber wenn ich dann meinen Coach höre, der mir an den Kopf wirft, ich solle “Misserfolge nicht so nah an mich rankommen lassen” und er habe auch schon “deprimierende Zeiten gehabt” (der Blödmann hat keine Ahnung, mit welchen Begriffen er da jongliert!!!), dann könnte ich das Kotzen bekommen.
Schlafen - ja… schlafen könnte ich jetzt auch… tagelang… man lässt mich nur nicht…

Martin


Rene Kriest on January 30th, 2007 at 11:03 am #

Hallo Martin!

Danke schön!

Du scheinst in etwas leichterer bzw. anderer Form als ich (sehr schwere depressive Episoden) von der Depression betroffen zu sein. Jedoch tut das nichts zur Sache. Wir teilen sehr viele Leidenpunkte, wie auch das Schlafen.

Es tut mir leid, daß Du auf Ablehnung stößt, trotz der Tatsache, an Depression, einer schweren Krankheit, zu leiden.

Selbst nach Beginn meiner Therapie habe ich extrem viel geschlafen. Da ich halbtags arbeitete, habe ich zumeist nachmittags so viel wie möglich zu schlafen versucht. Abends lichtete sich meine Stimmung leicht.

Bei kleinstem Streß wurde ich müde, ganz gleich wieviel ich geschlafen hatte oder so. Koffein konnte ich konsumieren bis zum Umfallen und war dennoch müde.

Bezüglich Deines Coaches hast Du recht. Mit dem Begriff (klinische) Depression sollte man sehr vorsichtig umgehen.

Liebe Grüße,

René


[…] 46 Möglichkeiten, die es Angehörigen erleichtert, mit Depressiven umzugehen […]


nadeschda on February 9th, 2007 at 4:01 pm #

danke für die liste. die gegenüberstellung ist sehr treffend gelungen, wie ich meine. alleine, diese seite aufzumachen und zu merken, einmal wirklich verstanden zu werden, ist ein geschenk. danke. nadeschda, 37 J., graz (nadeschda@gmx.at)


Rene Kriest on February 20th, 2007 at 2:03 pm #

Liebe Nadeschda!

Danke für Deine Worte.

Deinen anderen Kommentaren folgend, kann ich das Kompliment nur zurückgeben. Du hast viele Dinge, die ich so erlebe, auch äußerst treffend formuliert.

Danke!

René


Hannes on February 28th, 2007 at 3:25 pm #

Die Liste ist genial. Vieles kommt mir bekannt vor. Ein Beispiel aus meiner Geschichte, die sich zwischen einem Kranken und einem Gesunden abspielte:

ich: schwer depressiv und noch immer mit einer Partnerin zusammen.
er:”deine Frau wünscht sich einen Partner und nicht einen Pflegefall”
ich im Inneren: sie wird mich wohl verlassen

war dann auch der Fall


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