Um es vorwegzunehmen: es waren keine guten Erfahrungen, die ich mit dem Medikament gesammelt habe. Andererseits sagt dies nichts über das Präparat aus, denn trotz der Wirkungslosigkeit bei mir ist das kein absolutes Urteil über das Produkt in der Sache, also der Auswirkung bei anderen Nutzern. Etliche haben im Gegensatz zu mir gute Erfahrungen sammeln können.

Insgesamt 13 Wochen hielt ich mich an Sertralin fest in der Hoffnung, es möge, da es ja ein Antidepressivum ist, meine schweren depressiven Episoden beseitigen oder wenigstens stark lindern.

Was ist Sertralin? Woher stammt es?

Sertralin, so der Name des aus der Klasse der SSRIs (Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) stammenden Wirkstoffs, wird unter diversen Handelsmarken vertrieben. Ursprünglich kam es unter dem Namen Zoloft auf den Pharmamarkt und erfreut sich vor allem in den USA neben Prozac größter Beliebtheit. Es gehört wie die anderen Präparate aus der Gruppe der SSRIs zu den Antidepressiva der ersten Wahl, also jener Mittel, die bei der Diagnose Depression und der Verordnung von Medikamenten zur Therapie vorzugsweise herangezogen werden. Vorzugsweise werden nach der Diagnose Depression diverse Medikamente aus dem Bereich SSRI angewendet. Zeigen diese keine deutliche Besserung, gelangen Medikamente anderer Wirkstoffgruppen zum Einsatz. Bei mir war genau dies der Fall. Nach Sertralin wechselte ich auf Paroxetin (Paxil, Paroxat).

Das trügerisches Wohlbefinden

Zu Beginn der Therapie, die mit 25mg in der ersten Woche als erster Schritt zum Einschleichen des Medikamentes begann, erlebte ich innerhalb der ersten sieben Tage ein Gefühl der Euphorie, eines unbeschreiblichen Hochgefühls. Grenzenlos war urplötzlich mein Optimismus, konzentriertes, aufmerksames Arbeiten mehr als sechs Stunden am Stück war wieder möglich und letztlich hatte auch das Leben wieder einen Sinn. Energiegeladen sprang ich morgens aus dem Bett, um sogleich mein Glückspille einzunehmen als erste gute Tat des Tages. Nach etwa einer halben Stunde setzte die Wirkung ein – ein überwältigendes Gefühl.

Die Welt gehörte mir – mir, mir, mir!

Morgens legte ich mir meine Tagespläne zurecht. Stets hatte ich gute Laune und einen Antrieb, daß es beinahe selbst unheimlich wurde. Tagespläne von bis zu 16 Stunden ging ich erfolgreich an und war abends bester Stimmung und hätte am liebsten die Nacht durchgemacht. Irgendwie bedauerte ich, überhaupt ins Bett gehen und schlafen zu müssen, so lebenswert fühlte sich plötzlich alles um mich herum an. Ein derartiges Gefühl kannte ich bis dahin nicht.

Das klingt nicht nur schön, sondern war es auch. Allerdings sollte es dann doch anders kommen. Nach einer Woche, also zusammenfallend mit der Dosiserhöhung von Sertralin auf 50mg, schwamm ich ganz entgegen meiner verlangenden Erwartung nicht mehr weiter auf der Welle der Glückseligkeit, vielmehr verschwand ich in einem tiefen Erdloch, und die Hölle öffnete ihre Pforten.

Willkommen in der Hölle!

Unvergessen und ewig im Gedächtnis verankert bleibt der Augenblick an jenem Freitag als die bangende Hoffnung auf das Verschwinden meiner Depression einstweilen zunichte gemacht worden ist. Auf die einsetzende Urgewalt der wonnespendenden Tablette in Gestalt der 50mg wartend, ermächtigten sich meiner plötzlich im Sekundentakt wechselnde Gefühlsaufwallungen, gleich dem mächtigen Hin- und Herwogen der kräftigsten Naturgewalten.

Ich fühlte mich wie ein zweiter Siegfried (WIKI à Nibelungensage), dessen Geheimnis preisgegeben worden war und der, siegesgewiß und Hybris atmend, einem sicheren Sieg völlig selbstgewiß entgegenblickte, als alles anders kam und ich wieder in die tiefsten Wirrungen der Depression gerissen worden bin.

Allerdings trat auch am zweiten Tag der zweiten Woche keine Besserung ein. Gemäßigt in meinen Ansprüchen, verschob ich eben den so sehnlich herbeigewünschten Wirkungseintritt weiterer euphorischer Zustände auf den kommenden Tag oder notfalls auch auf die nächste Dosiserhöhung wenige Tage später auf 75mg Sertralin, in der dritten Woche.

Vierte Woche und 100mg/Tag, fünfte Woche mit 125mg/Tag, 150mg/Tag in der sechsten Woche – insgesamt 13 Wochen hielt ich diese Aufdosierung die nichts an meiner Tortur änderte, durch. Zuletzt ging ich soweit, entgegen der in der Packungsbeilage ausgewiesene Höchstdosis von 200mg/Tag eigenmächtig auf 250mg/Tag zu erhöhen. Doch es half nichts.

Sertralin in der Retrospektive

Stark vereinfacht ausgedrückt, ist die Wirkung eines Antidepressivums an die Höhe der Dosis gekoppelt. Hernach ging ich auch davon aus, daß es mir in der zweiten Behandlungswoche mit 50mg noch besser, oder zumindest nicht schlechter als in der ersten Woche gehen dürfte. Welch ein Trugschluß also im Falle des Sertralin!

Rückblickend war dies eine einfach nur schöne Zeit in der ersten Woche. Erklärungen für dieses Phänomen habe ich insofern, als daß ich denke, daß ich mit Einnahme von Sertralin in eine hypomanische Phase geswitcht bin. Abrupt kam das Ende dieses glücklich-friedvollen Abschnitts mit Begin der Aufdosierung auf 50mg. Statt Steigerung der Euphorie befielen mich plötzlich massive Gemütsschwankungen innerhalb der ersten zwei Stunden nach der morgendlichen Einnahme der Tabletten.

Den Rest des Tages dominierte meine schwere Depression über mich, so wie in alten Tagen. Ganz so, als hätte ich niemals zuvor ein Antidepressivum eingenommen, kehrte ich wieder zum Ausgangspunkt meiner Depression zurück. Trotz es tiefen Leidens, das durch diesen herben Rückschlag eingedenk der rieseigen Enttäuschung wegen der scheinbaren Wirkungslosigkeit des Medikaments, vertraute ich auf den kommenden Tag. Ausrutscher, auch und gerade bei Medikamenten, kommen schon mal vor. Immerhin versagt auch gelegentlich das favorisierte Mittel wider Kopfschmerzen gelegentlich den Dienst, um dann bei der nächsten Pein wieder tadellos den Schmerz zu vertreiben.

13 Wochen lange diese Pein. Das muß mir erstmal einer nachmachen

Weshalb ich mir dies 13 Wochen antat? Unter einer hinter der Depression verborgenen SM-Neigung leide ich nicht. ;) Nun, ich versuchte eisern durchzuhalten in der Hoffnung, der folgende Dosisschritt werde mir helfen. Auch stand zu lesen, daß der Eintritt der antidepressiven Wirkung sich bis zu einer Länge von geschlagenen zwölf Wochen hinziehen könne. Folglich quälte ich mich leidgeplagt durch diese harte Zeit und setzte, die Hoffung trotz schwerer Depression nicht gänzlich fahrenlassend, noch eine Zusatzwoche drauf. Schließlich gehört den Mutigen und Tapferen die Welt.

Sogleich zog es mich zu meinem behandelnden Arzt, der mir umgehend Paroxetin (Paroxat/Paxil) verschrieb. Dies wirkte auf seine Weise endlich wunder. Näheres hierzu in anderen Artikeln speziell zum Thema Paroxetin.

Meine Lehren und Konsequenzen aus den Erfahrungen mit Sertralin

Mittlerweile würde ich an solchen Einschleichphasen niemals länger als sechs Wochen festhalten, sondern rascher das Präparat wechseln. Zu sehr nagt das Ausbleiben einer dauerhaften Depressionsbeseitigung am Vertrauen in Medikamente. Rasch wirft man die Flinte nur zu schnell ins Korn und wird der Zuversicht, daß Medikamente wirken können, beraubt.

Wie war das eigentlich mit den Nebenwirkungen?

Übriggeblieben sind des weiteren meine Erinnerungen an die einzige über 13 Wochen konstant anhaltende Wirkung der Sertralin-Tabletten. Darunter waren einzig Nebenwirkungen, wie Durchfall, zeitweilig Bauchschmerzen und Kopfschmerzen.

Möge Sertralin/Zoloft vielen geholfen haben – hätte ich die Wahl zwischen diesem Mittel und meiner Depression, so würde ich wahrscheinlich Variante drei wählen, nämlich wieder Paroxetin wählen. ;)



Comments:
9 Comments posted on "Wie leidvoll es mir 13 Wochen mit bis zu 250mg Sertralin (Zoloft) pro Tag erging"
Susanne on March 11th, 2007 at 5:25 pm #

habe ich auch mal genommen, keine Nebenwirkung und auch keine Wirkung.


Ulf on March 11th, 2007 at 5:30 pm #

Hallo!
Schön, von Dir zu hören. Bist wieder daheim?


Susanne on March 11th, 2007 at 5:54 pm #

Rene ist gerade bestimmt auf dem Weg in die Schweiz ;-)


Steffen on March 22nd, 2007 at 2:40 pm #

Ich kann das super nachvollziehen. Ich bin zum Glück, muss ich sagen, nicht betroffen. Aber meine Lebensgefährtin schlägt sich auch schon fast 5 Jahre damit rum.

Das ging sogar mal bis zu einem mehrmonatigen Klinikaufenthalt wobei die ersten beiden Wochen der geschlossenen gehörten. Ich war zu diesem Zeitpunkt froh das Sie sich in prof. Händen befand. Es war so unglaublich Anstrengend. So eine Depression, in ihrem Fall sogar mit Angstzuständen und Panikattacken, ist nicht nur für den betroffenen Schlimm.

Zum Anfang ihres Leidens hatte Sie Paroxat bekommen. Fast ein Jahr lang. Dann wurde das Medikament ausgeschlichen weil der Arzt einen Therapieerfolg sah. Das ging dann auch 6 Monate gut.

Dann kamm es doppelt so schlimm zurück. Diese Pahse endete wie gesagt in der Klinik. Hier wurde Sie auch auf Sertralin eingestellt. Zur Zeit nimmt Sie 150mg. Das schon fast 1,5 Jahre und bis jetzt sieht es ganz gut aus. Ich hoffe das es so bleibt…


Rene Kriest on March 22nd, 2007 at 3:14 pm #

Hallo Steffen!

Danke für Deinen Kommentar. Schön, daß Du immer zu Deiner Freundin gehalten hast. Ich denke, daß sie das sehr zu schätzen weiß.

Gott sei Dank hat sie endlich für sich ein Medikament gefunden, daß ihr hilft. Ich drücke euch auch ganz doll beide Daumen!

Liebe Grüße,

René


Mary64 on March 24th, 2007 at 3:41 pm #

Seraltrin habe ich ein jahr lang genommen. die ersten4 Monate hatte ich alle nebenwirkungen, die auf der “Top-10″ -Liste in der packungsbeilage stehen, hab 14 Std. am tag geschlafen, den Rest war ich halb wach. kreislaufstörungen u.v.a.m. Ich war quasi zu nichts mehr in der lage, auch nicht zu Depressionen. Im laufe der zeit verschlechterten sich meine lebensumstände und ich kam schließlich auf 200 mg Seraltrin. Es reichte aber schon fast nicht mehr aus. mittlerweile haben sich meine Lebensumstände gebessert. vor einem jahr habe ich langsam angefangen die Dosis runterzufahren. Vor 3 Monaten habe ich es ganz abgesetzt. Ich habe parallen noch 300 mg lamotrigin genommen, die ich auch sehr langsam abgesetzt habe. Seit 4 Wochen nehme ich keine Medikamente mahr, habe aber für den Notfall immer ein spezielles Medikament dabei. Damit fühle ich mich recht gut. In der “Seraltrin-Phase” habe ich gelernt, alles, was mich aufregt oder runterzieht, aus meinem leben zu entfernen, Umstände, Menschen, auch Gegenstände, die mich zuviel an Vergangenes erinnerten… alles weg. und jetzt kann ich gut leben ohne Medikamente. Ich halte strikt Verhaltensregeln ein, wie kein Alkohol, keine Partys, feste Schlafzeiten usw. Und das funktioniert. Natürlich gehe ich jede Woche zu meinem Psychiater zur Tehrapie, so dass er sofort eingreifen kann, falls ich in irgendeine Phase gerate. Das finde ich sehr wichtig, weil sich eine Manie ja nach langer Depression erstmal recht gut anfühlt. Im Moment habe ich noch Angst, einfach nur so gute Laune zu haben. Ich kann das noch nicht von der Hypomanie unterscheiden. Aber das lerne ich noch.

Erfahrungsaustausch finde ich auf jeden Fall sehr wichtig.
Schön, dass es deinen blog gibt !!!

Mary


Rene Kriest on March 25th, 2007 at 5:48 am #

Hallo Mary!

Schön von Dir zu lesen. :)

War es Dir ein Bedürfnis von den Medis wegzukommen oder schlug Dir das der Arzt vor? Wie nennt sich Deine “Geheimwaffe” für die Notfälle?

Ich nehme täglich 60mg Paroxetin und 200mg Lamictal/Lamotrigin. Ohne diese Medis hilft nur noch der Strick oder wahlweise auch eine Kugel. Ein Leben ohne Medis kann und will ich mir nicht mehr vorstellen. Zu schlecht erging es mir ohne. Für ganz brenzlige Situationen hatte ich Benzos, Lorazepam. Auf diese verzichte ich aber von nun an.

Ich bewundere Deinen Lebensstil. Disziplin kann auch Spaß machen und ich hoffe, daß es dies in Deinem Falle tut.

Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute,

René


stefan on May 5th, 2007 at 1:48 pm #

hi.
also ich nehme sertralin/zoloft jetzt seit 1999, immer 100 mg.
am anfang gab es schon herbe nebenwirkungen, aber nach einem monat war das vorbei und seit dem hab ich kaum nebenwirkungen und mir gehts gut damit.
nur absetzversuche sind sehr krass, weil dann der halbe beipackzettel auf einmal zuschlägt, wenn der sertralin spiegel im blutserum runter geht. bis jetzt habe ich das medikament immer nach einigen tagen wieder angesetzt.

seitdem glaube ich nicht mehr, das SSRI’s nicht süchtig machen… :(


Stern on May 26th, 2007 at 3:59 pm #

Really good site, and a pleasant suprise… Good Luck!!! What do you think about my sites?


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