Immer wieder begegnen an Depression erkrankte Menschen Vorurteilen im Falle der Einnahme von Medikamenten. Zumeist handelt es sich hierbei um Antidepressiva, die zu den Psychopharmaka zählen. Ein paar der gängigsten Mythen sollen im folgenden Artikel beleuchtet werden.

Mythos Nr. 1: „Wenn ich Psychopharmaka einnehme, bin ich nicht mehr ich selbst.“

Diese Angst ist verständlich, wenn auch unbegründet. Möglicherweise ist sogar das Gegenteil der Fall.

Die Angst vor Psychopharmaka resultiert aus der Vorstellung, daß der Geist und damit die Gedanken des an Depressionen Erkrankten durch Psychopharmaka einer Gehirnwäsche gleich beeinflußt oder sonst das Bewußtsein des Betroffenen verändert werde.

Allerdings soll und wird alleine die depressive Störung behandelt. Anders als bei Drogen findet keine Bewußtseinsveränderung statt. Man darf sich die Depression nicht ohne deren Symptome denken. Um deren Beseitigung geht es; die Depression ist eine Erkrankung, also eine negative Abweichung des körperlich-geistigen Ist- vom Soll-Zustand.

Wird einem Erkrankten seine Lebensfreude, sein Antrieb, die Motivation als auch eine optimistischere Perspektive durch die Einnahme von Psychopharmaka ermöglicht, so fühlen sich die Patienten eher wie sie selbst. Ihnen wird etwas zurückgegeben, was viele schon längst vergessen wähnten.

Mythos Nr. 2: „Psychopharmaka nehmen nur Verrückte in der Klapse!“

Gemeinhin wird mit dem im Begriff Psychopharmaka steckenden Wort „Psycho“ etwas Negatives assoziiert, etwa verrückt und durchgeknallt zu sein. Ein entsprechender Film selbigen Titels legt diesen Zusammenhang in anschaulicher Weise nahe, ebenso wie das Leitbild des Verrückten, der in einer geschlossenen Anstalt, der Klapse, behandelt wird und sich üblicherweise einbildet, Napoleon oder sonst eine geschichtliche Figur zu sein.

Folglich werden auch psychiatrische Kliniken häufig als „Klapse“ angesehen, deren Patienten eben als Psychos, auch wenn diese Einrichtung der Therapie auch anderer Störungen dient. Psychopharmaka werden hierbei zur Behandlung von depressiven Störungen eingesetzt.

Zunutze macht man sich den medizinischen Umstand, daß Körpervorgänge auf chemischen Reaktionen basieren und letztlich auch der Träger des menschlichen Geistes, das Gehirn, nach chemischen Vorgängen arbeitet, die Gedanken und Stimmungslagen beeinflussen.

Ausgangspunkt ist also die Überlegung, ähnlich im Falle eines chronisch Kranken, wie einem Zucker-Kranken, entsprechende Mängel im Stoffwechsel mittels Medikament-Einnahme zu kompensieren. Häufig fehlen Botenstoffe im Gehirnstoffwechsel der depressiv Erkrankten bzw. werden nicht im richtigen Verhältnis ausgeschüttet (Serotonin bei SSRIs etwa).

Behandelt wird also keine Krankheit aufgrund derer man verrückt ist oder werden kann, sondern die chemische Ursache im Gehirnstoffwechsel eines Depressiven. Mit Beseitigung der Ursache soll auch die Folge entfallen, die depressive Erkrankung.

Mythos Nr. 3: „Von Psychopharmaka wird man abhängig und süchtig.“

Antidepressiva, welchen zur Behandlung der Depression hauptsächlich als Mittel der ersten Wahl eingesetzt werden und zu den Psychopharmaka zählen, machen grundsätzlich nicht abhängig.

Kennzeichen einer Stoffabhängigkeit sind unter anderem die Einnahmetoleranz als auch das Verlangen nach höheren Dosen. Des weiteren folgt auf die Einnahme eine unmittelbare Reaktion meist körperlicher Art.

Genannte Aspekte liegen nicht bei Antidepressiva vor. Zwar steigert man zu Anfang der Medikamenten-Einnahme die Dosis, doch liegt diese Maßnahme in dem Umstand begründet, daß erst ab einer bestimmten Dosis die anti-depressive Wirkung einsetzt. Danach wird die Dosis nicht mehr gesteigert und bewirkt auch keine weitere therapeutische Wirkung.

Auch tritt die dauerhaft aufklarende Wirkung für den Depressiven erst nach Tagen bis Wochen der Einnahme ein. Der Behandlungserfolg ist somit nicht an die die unmittelbare Einnahme gekoppelt.

Auch im Falle der Absetzung eines Medikamentes tritt keine Entzugssymptomatik ein.

Mythos Nr. 4: „Es ist schändlich, Pillen schlucken zu müssen. Depression kann man auch ohne Psychopharmaka loswerden.“

Moderne Forschungsergebnisse offenbaren, daß neben Psychopharmaka auch die Psychotherapie wirksam depressive Störungen beseitigen kann. Idealerweise kombiniert man zur langfristigen Gesundung beide Ansätze.

Allerdings wirkt nicht jeder Heilungsansatz bei jeder Person gleichermaßen. Ebenso, wie nicht jedes Antidepressivum bei jeder Person gleich wirkt, so kann es auch sein, daß Personen nicht auf die Psychotherapie ansprechen respektive nicht im ausreichenden Maße.

Im Falle der schweren Depression bilden die Antidepressiva oft den Einstieg in die Psychotherapie, da zunächst einmal die gröbsten Symptome beseitigt werden müssen, um überhaupt auf psychotherapeutische Weise den unter Depressionen Leidenden erreichen zu können.

Letztlich sollte man sich aller möglichen Hilfsmittel bedienen, um den Zustand der Depression wenn nicht heilen, so doch lindern zu können. Die Einnahme eines Antidepressivums kann die Heilung beschleunigen.

Wie denkst Du über Psychopharmaka? Hast Du Erfahrungen damit gemacht?



Comments:
18 Comments posted on "Die 4 größten Mythen über Psychopharmaka – und was wirklich dahintersteckt"
Demokratie & Republik on November 29th, 2006 at 3:56 pm #

Besonders Punkt vier halte ich für besonders wichtig. Viele, die es eigentlich bräuchten, nehmen es nicht, weil es “sozial unerwünscht” ist


Rene Kriest on November 29th, 2006 at 4:21 pm #

Hallo! :)

Du sprichst einen sehr wichtigen Punkt an. Wer Antidepressiva schluckt, ist häufig stigmatisiert.

Jemand, der wg. Diabetes sich täglich spritzen muß, begegnet nicht so viel Mißtrauen, obwohl Krankheit Krankheit ist.

Grüße,

René

PS: Du hast einen interessanten Blog. Gut hat mir der Artikel zur Abmahnwelle gefallen.


Ulf on December 1st, 2006 at 2:40 pm #

Zu Punkt eins: Seit ich Psychopharmaka nehme, bin ich erst wieder ich selbst. Vorher habe ich mich selbst kaum noch wiedererkannt, und meine Frau sagt jetzt auch, daß ich wieder viel mehr der sei, den sie mal kennengelernt habe.

Danke für Deinen Blog.


Susanne on December 1st, 2006 at 5:08 pm #

Tja, wenn sie wirken, ist das wirklich hilfreich, aber leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass AD bei mir nicht wirken und ich habe doch schon eine Menge ausprobiert.
Aber ich suche weiter ;-)


Rene Kriest on December 2nd, 2006 at 3:16 pm #

@Ulf
Danke für Deinen Eintrag. :) Ich freue mich sehr für Dich und Deine Frau, dass es Dir und damit auch euch besser geht. MIr geht es ähnlich. Ich fühle mich auch weit besser.

@Susanne
Schön, wieder von Dir zu hören. Ich hatte schon bei Dir gelesen, dass Du einiges an Erfahrungen hast. Hast Du es mal mit Mood-Stabilizern probiert? Ich nehme zusätzlich zum AD auch Lamotrigin. Es hilft mir sehr. Die ideale Kombination gegen die depressiven Phasen, welche stark wiederkehrend waren trotz des ADs.

Alles Gute und Liebe für euch! :)


Susanne on December 2nd, 2006 at 3:56 pm #

Hallo Rene
Quilonum (Lithium) habe ich mehrere Monate genommen, leider Zittern, Verstopfung und stetige Gewichtszunahme, damit konnte ich nicht leben.
Die Nebenwirkungen waren nicht akzeptabel. Gegen das Zittern bekam ich dann einen Betablocker und das bei niedrigem Blutdruck ;-)

Lamotrigin habe ich auch genommen, 200mg/Tag. Hat mich sehr ruhig gemacht, fast gleichgültig :-( .


Rene Kriest on December 5th, 2006 at 8:00 am #

Lithium wollte ich nicht nehmen, da mir die Dosierung und die Einnahme zu komplex erschienen.

Lamotrigin wurde mir von einer Bekannten empfohlen. Nachdem ich mich schlau bzgl. Des Präparates gemacht hatte, hielt ich es für ein prinzipiell gutes Mittel und hoffe, daß es bei mir anschlägt. Der Wirkungsweise nach soll es auch tendenziell eher gegen die depressiven Phasen und nicht die (hypo-) manischen wirken. Letztere würde ich gerne behalten und von Zeit zu Zeit mal wieder erleben. :)

Im Moment sieht es bei mir so aus mit Medsi:

AD: Paroxetin 60 mg/Tag
Mood stabilizer: Lamotrigin 25mg/Tag

Eventuell sollen noch Temesta und Modafinil (~Wachmacher) hinzukommen. Vor allem von Modafinil verspreche ich mir einen gewissen Kick bei guter Laune. Ich hänge stark den Tag über durch und bekomme teils die Augen nicht auf. Häufiger muß ich mich für eine halbe Stunde hinlegen. Nachts wache ich ständig auf, üblicherweise nach 3 Stunden. Stehe ich dann auf, komme ich recht gut durch den Tag ohne schlafen zu müssen, doch bin ich dann nicht so konzentriert. Außerdem hält man das auch auf Dauer nicht aus, jeden Tag nur 3 Stunden zu schlafen.


Susanne on December 5th, 2006 at 9:51 am #

Das ist aber wenig :”Mood stabilizer: Lamotrigin 25mg/Tag”, davon hatte ich 200 mg täglich, keine Gewichtszunahme, als Nebenwirkung, ich wurde viel zu ruhig, fast gleichgültig :-( . Konnte mich nicht mal mehr streiten ;-)


Rene Kriest on December 5th, 2006 at 10:31 am #

Ich bin bzgl. Lamotrigin noch in der Einschleichphase. Es wird noch ein paar Wochen dauern, bis ich bei 150 – 200 mg bin.

“Keine Gewichtszunahme” – durch Paroxetin habe ich zugenommen, während Lamotrigin den Appetit deutlich hemmt.

Wie meinst Du das mit “ruhig”? Als Gegenpol zur inneren Unruhe und Agitiertheit?


Susanne on December 5th, 2006 at 11:59 am #

Mh, Gleichgültigkeit, sich nicht mehr aufregen und streiten wollen/ können.
Das fühlte sich “unlebendig” an. Kannte ich von mir nicht und störte mich sehr.


Isabelle on December 5th, 2006 at 10:29 pm #

Ich finde es sehr gut, dass Du diese Thematik so schön ausformuliert hast. Werde mir das mal für die Feiertage ausdrucken um es meiner Familie unter die Nase halten zu können, falls die eine doofe Bemerkung machen. Diese Vorurteile stecken unter Umständen – gerade Nr. 2 und 4 – ganz schön tief und unterbewusst im Kopf drinnen. Ging mir selbst auch so. Ich habe erst durch die Erfahrungen in der Therapie gelernt, wie wichtig eine medikamentöse Behandlung neben der Therapie sein kann.

Bei mir wirkt es leider auch noch nicht so wirklich gut, aber die Nebenwirkungen haben sich in Grenzen gehalten. Mein Magen hat am Anfang etwas verrückt gespielt, nach ein paar Tagen war’s dann allerdings wieder gut.


Susanne on December 9th, 2006 at 12:58 pm #

zu Punkt 3)
“Auch im Falle der Absetzung eines Medikamentes tritt keine Entzugssymptomatik ein.”

*Nörgel*
So ganz stimmt das nicht, es gibt sehr wohl bei einigen Antidepressiva eine Absetzsymptomatik, Stichwort u.a. Zaps, welche häufig u.a.bei Trevilor auftreten.


Young Stunner on December 9th, 2006 at 10:33 pm #

hi,

seit ca.fünf jahren bekomme ich quilonum und carbamazepin – seit dem bin ich stabil – hatte/habe auch keine nebenwirkungen – eigentlich zwei top drogen aber trotz zusätzlicher massiver psychotherapie (bis einschl. heute) werden meine sozialen ängste nicht besser – zum fick noch`ma…

seit längerem denken meine “beraterin” und ich über alternativen zu drogen nach – es ist gut möglich das die drogen einen großen teil dazu beitragen das ich nicht “hoch komme”…

weiß jemand effektive methoden um soziale ängste zu kontrollieren,

game runner – young stunner

_____________________________________

http://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de/

http://bpe-online.de/


Extertaler on December 15th, 2006 at 1:27 am #

Hallo lieber Rene,
Du hast hier einen wunderbaren Blog aufgebaut. Sehr fundiert geschrieben. Ich kann das beurteilen, denn als Krankenpfleger habe ich von 1965 – 2003 in psychiarischen Kliniken und Heinen, sowie in der Ambulanten Krankenpflege gearbeitet. Ich kenne Segen, aber auch Fluch der Psychopharmaka. Ich bin einen langen Weg gegangen: vom kritiklosen Verabfolger der Psy


Extertaler on December 15th, 2006 at 2:27 am #

..(huch –leider schnitt mir das Programm, bevor ich registriert war, eine gr. Teil m. Kommentars ab. Ich will versuchen, ihn a.d. Gedächtnis zu wiederholen) –
…Verabfolger der Psychopharmaka. Ich mußte leider den Anweisungen der Ärzte folgen. Mit den Jahren griff aber auch in der Psychiatrie immer mehr die Bemühungen und Arbeite, sowie Forschungen verständnisvoller Ärzte, welche zum Teil bahnbrechende, ja revolutionäre Ideen in die Psychiatrie einbrachten. Als bahnbrechende Ärzte möche ich Dörner, Ploog und Häfner nennen. Es gibt gewiss noch viele Andere. Besonders Klaus Dörner mit Ursula Ploog werden mir immer in bleibender Erinnerung sein. Diese beiden schufen das Werk: “Irren ist menschlich” a.d Psychiatrie-Verlag. Ein Meilenstein oder Leuchtfeuer in der Literatur über psychische Leiden, ihre Therapie u.A. Geschrieben für Fachleute, Betroffene und Angehörige gleichermaßen. Eine Quintessenz a.d Werk war: Unbedingte Offenheit aller Allen gegenüber. Natürlich der Krankheit angepaßt. Eine weitere Regel von den Beiden war: “Die Gleichwertigkeit des primären und des sekundären Personals in der Entscheidungsfindung über Diagnose und Therapie des Betroffenen!” Dörner, Ploog und ihre Schüler förderten konsequent die Entstehung von Selbsthilfe und Betroffenen-Gruppen. All das brachte mich immer mehr auf die Seite der Betroffenen und Psychiatrie-Erfahrenen. Ich verfolge ihre Ziele und Weg mit Bewunderung und Respekt. Macht weiter so! @Young Stunner: wenn Du Dich diesen anschließt, bist Du auf dem richtigen Weg.

Liebe Grüße

Albert


Pligg on January 12th, 2007 at 3:09 am #

Die 4 größten Mythen über Psychopharmaka – und was wirklich dahinter steckt…

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Anonymous on January 12th, 2007 at 3:20 am #

Die 4 grten Mythen ber Psychopharmaka – und was wirklich dahinter steckt…

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