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Filed Under (Allgemeines) by Rene Kriest on 30-01-2008

Was waren meine wichtigsten Erkenntnisse innerhalb der vergangenen zwei Jahre, also seit Diagnose meiner schweren depressiven Episoden? Was habe ich auf dem Weg voran ins Glück gelernt und kann ich weiterempfehlen?

Bestreben und Anliegen von mir – und das ist die Kernbotschaft meiner Arbeit in diesem Blog – ist, daß man niemals aufgeben soll, sich von Depressionen unterkriegen zu lassen – auch Du nicht.

Der erste Schritt, das Leben trotz Depression genießen zu können, besteht darin, sich gedanklich von der Depression zu lösen. Wer in sich nicht den tiefen Glauben an Besserung eingräbt, wird sich ewig im Kreise drehen und im Bannkreis der unheilvollen Macht der Trübsalkrankheit Nr. 1 verhaften bleiben.

Gemeint ist der Gedanke an Besserung, nicht an Heilung, sondern gradueller Linderung. Wer einen Berg besteigt, muß an den nächsten Schritt denken und nicht, wie er auf den Berggipfel gebeamt werden kann, wenn es das Beamen noch gar nicht gibt. So verhält es sich auch mit der Depression.

Auf die Hoffnung und den Glauben folgt das Vertrauen. Definieren kann man Vertrauen als festes Wissen um das Erreichen eines Zieles. Wer sicher weiß, daß er in Zukunft Ziel X erreichen wird, der kann gelassen dem Erreichen entgegensehen. Auf die Geschwindigkeit kommt es sodann nicht so sehr an; das unterscheidet Ungeduld von Vertrauen.

Weshalb aber ist es von eminenter Bedeutung, sich gedanklich von seiner Krankheit zu trennen, sie immer mehr zu distanzieren?

Zu Beginn meiner Diagnosestellung bzw. als ich sie für mich angenommen hatte, konnte ich viele meiner Handlungen und Taten erklären, gar versuchte ich sie zu rechtfertigen, was man gemeinhin nur bei unliebsamen Entscheidungen zu tun pflegt wider sich selbst als auch Dritte. Was ehedem Befreiung von seelischer Last versprach und auch wirkte, entpuppte sich jedoch schon bald als Entschuldigungsparadies für läßliche Taten. War meine Krankheit dereinst noch Erklärung, war sie fortan oftmals Ausrede nach dem Schema „Ich kann nicht, weil [ich depressiv bin und Depressive nun einmal X sind].“

Rasch wurde diese Denkweise zur Gewohnheit, auf Fragestellungen des Lebens folgte reflexartig eine Ausrede und Entschuldigung aus der Asservatenkammer der depressiven Symptomatik. Kam ich zu spät oder vergaß ich etwas, lag es an der Depression. Meldete ich mich nicht, war die Depression verantwortlich. Reagierte ich gereizt, war nicht ich der Übeltäter, nein!, der Sündenbock war selbstverständlich die Depression.

Ein solches Leben ist die Kehrseite der Medaille Depression. Da die Depression selbst keine positiven Seiten hat – was soll an einer Krankheit toll sein, die einen in den Suizid treibt?! – wurde mit dieser weiteren negativen Seite der Medaille damit ein verhängnisvoller Teufelskreislauf geschlossen. Fortan hatte man ein Patentrezept fürs Ausflüchtegestalten für jede beliebige Lebenslage parat, welches auch weidlich benutzt wurde.

Auf Außenstehende wirkte das sich immer schneller drehende Karussell der Lebenslügen abschreckend. Gottlob glücklich über mein neues Weltbild, das meine Unzulänglichkeiten und alltäglichen Fehltritte prima rechtfertigen konnte, entwickelte ich mich auf Betrachter in meinem Umfeld zu einem Jammerlappen – eben einem negativen Depressiven verstanden als doppelt Depressiven, einem depressiven Depressiven (zu der Erklärung des Begriffs komme ich sogleich).

Depressive Depressive verkehren Ursache und Wirkung. Vollkommen richtig ist, daß Depressiven das Leben zur Last geworden ist; unbenommen ist und bleibt, daß sie unter Einbußen zu leiden haben, die teils erheblich sind; unbestritten ist zudem, daß man sich ob der organischen Natur der Depression auch selten dazu motivieren kann, sich überhaupt motivieren zu können, also Lust auf Lust an Dingen zu haben; zutreffend ist andererseits auch, daß man an dem Zuständ was ändern kann und unbedingt auch tun sollte – um seiner selbst willen.

Unpünktlichkeit, Unzufriedenheit, Unzuverlässigkeit – all das markiert ein negatives Spiegelbild vorzugswürdiger Eigenschaften und Angewohnheiten. Vormals litt man unter den Eigenschaften, weil man depressiv war. Mittlerweile aber paßte das Gewandt so gut, daß man keine Ambitionen mehr hegte, auch nur nach Erreichen des positiven Zustandes. Weshalb pünktlich sein? „Ich bin unpünktlich, weil ich depressiv bin!“ lautet nunmehr das Credo.

Benutzt man die Wörter trotz und wegen, wird der Zusammenhang deutlicher. Unzuverlässigkeit wegen Depression ist das eine; Unzuverlässigkeit trotz Depression etwas anderes. Letzterer Trotz-Fall markiert exakt das eigentliche Dilemma, daß die negative Depression beschreibt: anstatt sich positiv von dem peinvollen Zustand der Depression zu befreien, instrumentalisiert man künftig die Krankheit als Feigenblatt seiner Fehler, indem man mißliebiges Verhalten auch vor sich selbst durch Rationalisierung zu rechtfertigen versucht.

Litt man vorher unter der Unpünktlichkeit und war sie einem unangenehm, konnte man sodann für sich in Anspruch nehmen, erklären zu können, weshalb man nicht zur verabredeten Zeit einer Vereinbarung nach kam. Ohne schlechtes Gewissen konnte man für alles die Krankheit verantwortlich machen.

Der Preis, welchen man für solche Ausreden bezahlt, ist ein hoher. Er setzt sich aus Selbstbetrug und Vernichtung von Lebensqualität zusammen, wenn man sich selbst jedweder Verantwortung freispricht: „Ich konnte nichts dazu, das war die Krankheit!“

Lethargie kommt darin zum Ausdruck nicht aber Kampfgeist. Aufgabe und damit Pflicht jedweder Therapie ist es, den Blick des Erkrankten nach vorne zu richten, in dem Depressiven den Keim der Hoffnung auf Besserung einzupflanzen. Sichertester Weg, sich selbst das Wasser abzugraben ist jedoch, sich zu verstecken, indem man bewußt nach Ausreden sucht.

Das Geheimnis, daß ich der Krankheit entlockte, lautet „trotzdem“ – trotz der Krankheit kann man eigentlich recht gut leben und auch glücklich sein. :)



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