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Einer der größten Depressions-Forscher der Gegenwart, David Burns, bezeichnete die Depression als die tückischste Krankheit der Menschheit. Tückisch an ihr ist vor allem der schleichende Prozeß, mit welcher sich die Krankheit der Betroffenen bemächtigt. Zumeist erst nach Jahren der Pein und des vielfach unermeßlichen Leidens wird man diagnostiziert und die Behandlung kann beginnen. Die Tücken der Depression Tückisch an der Krankheit ist ferner ihre Unsichtbarkeit. Nichts an ihr trägt offen ein Symptom zutage, woran man die Krankheit erkennen könnte. Eine Platzwunde am Kopf, ein blutender Finger sind sichtbare Zeichen einer Verletzung. Für die Depression gilt dies nicht. Seelische Verletzung, ob von außen kommend oder sich selbst zugefügt, erkennt nur der Betroffene selbst. Tückisch ist ferner an der Depression in all ihren Schattierungen, daß sie die Wahrnehmung des Betroffenen mitbeeinflußt. Es ist nicht so, daß man hilflos zusieht, wie man selbst mehr und mehr unter der Krankheit leidet, wie es bei körperlichen Lähmungen der Fall ist, sondern der Geist ist Teil des Teufelskreislaufes, bis man irgendwann zu kaum einer Verrichtung mehr in der Lage ist, geistig wie körperlich. Anhand dieses persönlichen Super-GAUs, der mit dem persönlichen Niedergang im sozialen wie auch finanziellen Bereich gleichzusetzen ist, materialisieren sich sichtbar die Wunden, die die Seele gezeichnet haben. Freunde und Verwandte Tückisch ist die Krankheit auch für Freunde und Verwandte. Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit wird in der Regel fälschlicherweise mit Faulheit und Trägheit gleichgesetzt. Jemanden als faul abzustempeln ist auch einfacher, als nach Ursachen zu forschen, ohne hierbei einen Vorwurf mitschwingen zu lassen. Menschen sind so, auch wenn das So-Sein dies für Depressive nicht einfacher macht. Hoffnung und Zuversicht Einzige Kehrseite der Depression ist Hoffnung. Gegenüber der Depression ist Hoffnung und Zuversicht das Gegenteil, der Antagonist. Betrachtet man die Depression als Pendel, so schlägt dieser mit Zunahme der Krankheit in Richtung Verschlimmerung der Symptome aus. Auf der anderen Seite liegt die Hoffnung. Doch kann der Pendel diesen Bereich durch eigene Willensanstrengung nur bedingt erreichen. Wer so schwer depressiv ist, daß er die Lust am Leben verloren hat und einzig im Suizid eine Möglichkeit zur Beseitigung seines inneren Leidens sieht, dem kann man nur mit Hoffnung und Zuversicht begegnen nämlich darauf, daß es nur noch bergauf gehen kann und wird. Die wahre Kunst und der einzige Ausgangspunkt zur Symptom-Linderung der Depression ist die Vermittlung von Hoffnung. Ohne diese Zuversicht, die die noch vorhandenen Lebenskräfte zu mobilisieren in der Lage ist, ergibt man sich endgültig der tückischsten Krankheit der Menschheit. Weshalb und auf was kann man hoffen? Zynisch formuliert kann man behaupten, daß es gemessen am Status quo eines Depressiven nicht mehr schlimmer kommen kann, daß also nahezu jede therapeutische Maßnahme als Besserung gedeutet werden kann. Die Sinnfrage Hoffnung ist eng verwandt mit der Sinnfrage. Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es ihn überhaupt? Ist es gar falsch, nach dem Sinn des Lebens zu fragen? Kann das Leben umgekehrt uns nach dem Sinn fragen, also welchen Sinn es uns von uns erwartet, welchen wir dem Leben geben, anstatt zu hoffen, daß unserem Leben von außen Sinn erteilt wird? Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. In einer Variation auf Kennedys berühmten Ausspruch könnte man sagen, daß man nicht fragen sollte, was das Leben für einen tun kann, sondern eher fragen, was man selbst für das Leben und damit den Sinn des Lebens tun kann. Sinn ziehe ich aus der Bewährungsprobe, die da Leben heißt. Hart getroffen hat es mich schon, doch erwächst mir hieraus die Chance, den ganz persönlichen Herausforderungen, die da Leben heißen, mit Würde begegnen zu können. Die persönliche Herausforderung Leben, und damit der Sinn des Lebens ist es, sein persönliches Leben zu leben. Innerhalb dessen erscheint alles als Herausforderung. Deshalb sollte man es auch tunlichst unterlassen, sich selbst mit unangebrachten Vergleichen zumal mit Dritten zu malträtieren. Niemals sollte man mit dem Finger auf andere zeigen. Statt dessen sollte man nur für sich selbst etwas ändern. Glück und Freude sind für mich erstrebenswerte Ziele innerhalb des Lebens. Vor Jahren noch hielt ich es für unmöglich, sie verwirklichen zu können, noch existierte der Glaube an sie, jemals wieder so etwas wie Freude oder Glück empfinden zu können. Mit dem Rücken zur Wand stehend, ich wollte mich suizidieren, bäumte ich mich auf, denn ich hatte de facto nichts mehr zu verlieren, und wollte der Krankheit Depression mit Trutz begegnen und sich ihrer Einschränkungen entgegenstemmen. Ein Jahr später Ein Jahr später, der Zeitpunkt des Aufbäumens liegt im Mai 2006, liest sich meine Bilanz großartig. Nicht nur habe ich die Freude am Leben zurückerhalten, oder besser: erstmals wirklich empfangen, sondern ich habe vor allem viele meiner Ziele verwirklichen können. Von der seelischen Last der Vergangenheit habe ich mich nicht befreit, sondern sie als Wissensschatz in mich integriert. Erfahrung und Erlebtes ist etwas, daß einem zu keinem Zeitpunkt genommen werden kann, so schmerzlich es auch sei. Was man daraus macht, ist des Menschen Chance. Mir war das Glück beschieden, mich mit anderen Depressiven weltweit austauschen zu können. Mehr Zuspruch und liebe Worte, wie seit dem eigentlichen Bestehen des Depressiosnblogs im September 2006 habe ich in meinem ganzen Leben nicht erfahren. Leugnen möchte ich nicht, daß ich einen hohen Preis dafür bezahle. Viele Jahre sind ins Land gezogen, welche ich nahezu in Apathie und schwer gezeichnet von der Krankheit in einer Art Kerkerhaft verbrachte. Mental wieder gut hergestellt, hemmen mich körperliche Einschränkungen an der weiteren Umsetzung meiner Ziele. Gegenwärtig besteht der Verdacht auf Narkolepsie. Unter der unbändigen Macht des Schlafensdranges wandle ich durch den Tag. Nachts ist mein Schlaf fragmentiert, häufiges Aufwachen ist die Regel. Nietzsches kluge Worte Nietzsche sagt einmal, „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt auch jedes Wie.“ Und bei genauerer Betrachtung ist es genau das, was auch in mir die beinah erstickte Flamme des Lebens wieder entfachte und zum Lodern brachte. Ich vertraue darauf, daß meine Ziele größer sind als das, was ich bin. Ich vertraue darauf, daß das Leben mir einen Sinn gegeben hat und der heißt nicht, sich aufzugeben und den einfachsten Weg zu wählen, den der Flucht durch Suizid. Umsetzen möchte ich, daß noch mehr Depressiven der Samen der Hoffnung eingepflanzt wird, daß auch sie wieder das Leben als lebenswert anerkennen, mutig und vor allem tatkräftig sich wider ihre Depression auflehnen und trotz der Krankheit Freude und Zuversicht am Leben empfinden. Anleihen bei einem Architekten Mittlerweile empfinde ich meine Tatkräftigkeit, das unermüdliche Suchen nach Verbesserung meines Zustandes, als einen größten Schatz. Betrachtet man sein Innerstes, die Seele als Architekten, der sich seine Werke namens Freude, Glück und Zufriedenheit selbst erstellen kann, so hat man die Möglichkeit, entsprechende Materialien zu beschaffen, die die tragfähige Bausteine des Unterfangens bilden. Aus meiner Sicht fallen unter diese Materialien insbesondere alle Errungenschaften der modernen Medizin. Angefangen bei Antidepressiva über Stimmungsstabilisatoren bis hin zu Wachmachern gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, seine gewünschten Materialien aus dem Steinbruch der Wahl herauszubrechen. Was im Inneren wirklich vor sicht geht Tief im Inneren habe ich die letzte Entscheidungsgewalt darüber, wie mein Ich das Leben ausprägt und erträgt. Ich denke, daß dies die Innere Freiheit des Menschen markiert, ohne zu sehr ins Philosophische abzuschweifen, denn viel zu konkret und real ist die Depression, als daß man sie unnötig mit Metaphysik aufladen sollte. Geboten ist, was hilft. Der Weg war sehr steinig und zum Teil wundere ich mich auch selbst, welche Hürden ich bislang genommen habe als auch wie ich sie nahm. Zum Teil banale Floskeln wie etwa der Ausspruch Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg entpuppten sich als zutreffend. Wille und Weg stehen hier einmal für das Setzen eines Zieles und zum anderen für die Durchsetzung dessen. Präziser könnte man jedoch auch sagen, daß es nicht nur einen Weg gibt, sein Ziel zu erreichen, sondern deren mehrere. Des weiteren kann man auch das Ziel selbst variieren. Mein übergeordnetes Ziel Ich folge einem übergeordneten Ziel. Ich möchte als Architekt meines Wohlbefindens dieses steigern. Gegen die massive Tagesschläfrigkeit existieren wirksame Medikamente. Demnach lasse ich nichts unversucht, an diese heranzukommen, denn nur so lassen sich wiederum untergeordnete Ziele umsetzen, wie etwa das Lesen eines Buches, ohne nach wenigen Minuten zwanghaft über diesem schlafend zusammenzusinken. Ähnliches gilt auch für Kino-Besuche usf. Ohne diese Wachmacher ist es mir auch nicht möglich, so am Erwerbsleben teilzunehmen, wie ich mir das wünsche. Erwerbsunfähigkeitsrente möchte ich für mich nicht beantragen und noch weniger möchte ich von Hartz IV existieren. Für ein Medikament, was knapp 250€ im Monat kostet, opfere ich nicht mein Leben und selbst dann nicht, wenn es 3000€ oder mehr kostete. Geduld und Ausdauer Das Umsetzen der Ziele benötigt Zeit und damit Geduld und Ausdauer bzw. Hartnäckigkeit. Rückschläge muß man hinnehmen. Überhaupt sind Nehmerqualitäten im Sinne von konstruktiver Betrachtung der Geschehnisse, die man vermeintlich als Rückschläge auffaßt, unerläßlich. Den Anfang mach das eigene Ich. Materialismus und das Streben nach Vermögen sind nur ein Wertekonzept von vielen, welche man annehmen oder auch ablegen kann. Teils las ich mir wichtige Bücher im ganzen zehnmal und mehr, bis in mir der Gedanke verankert war, daß ich die Wahl meiner Werte und Ziele besitze und vieles, wenn auch nicht alles, mit dem Geist steuern kann. Was das Ich steuern kann Steuern kann ich Dinge unmittelbar oder indirekt. Wichtig ist nur, daß man die Zügel seines Lebens gestalterisch in die Hände nimmt. Keine Frage, ich habe meine Höhen und Tiefen, doch denke ich nicht an Aufgabe, was ich jederzeit tun könnte, aber nicht mein Ziel darstellt. Kraft ziehe ich immer wieder aus meiner Umwelt und dem Austausch mit unmittelbar und mittelbar Betroffenen. Worte bewegen in der Regel mehr als Taten. Unzählige Menschen haben mir auf dem Weg zur Linderung bislang geholfen, welchen ich sehr dankbar dafür bin, im kleinen wie im großen, für mich gibt es da keinen Unterschied. Jedem Depressiven möchte ich sagen, daß ich an ihn oder sie glaube und daß Du niemals die Hoffnungs aufgeben solltest. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch. Was ich schaffe, kannst Du erst recht schaffen. Denn Du bist etwas Besonderes, vergiß das nicht.
Comments:
7 Comments posted on "Die Kehrseite der Depression, oder vom Sinn des Lebens"
jürgen on May 15th, 2007 at 3:00 pm #
hallo rene, grüße jürgen
Christa Fassl on May 15th, 2007 at 10:21 pm #
Hallo René, ich bin heute zufällig auf den Artikel im HK auf Deinen Namen aufmerksam geworden und möchte Dir auf diesem Wege ein paar Worte sagen: Ich finde es großartig, wie Du das alles anpackst, wie Du es schilderst und letztendlich auch packst! Schau - auch ich (oder besser Jochen und ich) haben unser Schicksal gepackt, angenommen und irgendwie geschafft - zumindest leben wir und wir haben Freude am Leben - was beileibe nicht immer so war! Ich halte Dir die Daumen und hoffe für Dich, dass das Leben weiter gut geht für Dich!
Norma on May 16th, 2007 at 10:41 am #
Hallo Rene, auch ich habe viele meiner anerzogenen Wertekonzepte über Bord geworfen. Durch die Depression war ich unweigerlich zum Innehalten gezwungen, ich mußte meine Lebeneinstellungen und Konzepte neu überdenken. Wir alle haben die Chance unserem Leben eine neue Mitte, eine neue Farbe zu geben, einen eigenen individuellen Sinn einzuhauchen. Auch wenn die Randbedingungen für viele durch die Depression oft sehr hart geworden sind, sei es durch den Verlust der Arbeit, sei es durch das Unverständnis der Erkrankung im unmittelbaren Umfeld, so möchte ich jedem sagen, gib nicht auf!!, du bist nicht alleine, so wie du bist, bist du wertvoll und richtig. Und es gibt Hoffnung auf Besserung und jedes Leben ist ein einmaliges Wunder. Für jeden gibt es Hilfe. Medikamente und einfühlsame Menschen retten Leben. Rene, danke für diesen schönen Beitrag.
Niki on May 16th, 2007 at 12:25 pm #
Lieber René, sei bedankt für diesen wunderbaren Artikel. Ich bewundere generell deine Fähigkeit, solches so hervorragend struturiert und inhaltsschwer in Worten darzustellen. Herzliche Grüße Niki
Rene Kriest on May 16th, 2007 at 8:52 pm #
@Jürgen Gerade der Ausspruch vom „Abtauchen/Auftauchen“ trifft sehr gut meinen Zustand. Schöne Umschreibung! In der Tat fühle ich mich wie eine Art U-Boot, daß mehr unter Wasser (Schlaf) befindlich ist, als über Wasser (wach). Und wie ein U-Boot, das nur einen Teil über Wasser fährt und immer noch den Großteil unter Wasser hat beim Auftauchen, so fühle ich mich auch, wenn ich „wache“ bin. Einem Mischzustand gleicht das eher, also mehr müde, als wach. Ich wünsche Dir auch alles Gute und viel Kraft. Welche Rasse ist Dein Hund? Meine Eltern haben auch zwei Hunde, eine seltene Hütehunderasse namens katalanischer Schäferhund. Liebe Viecher, zumindest mir gegenüber. @Christa Ich habe häufig an euch und an K gedacht, wie ihr mit diesem Schicksalsschlag klargekommen seid. Nicht selten, wenn ich in Okriftel war, bin ich an eurem Haus vorbeigelaufen auf meinem Spaziergang durch O. und Dir sogar einmal begegnet. Euer Haus hat sich wirklich schön gewandelt. Danke für Deine lieben Worte. Ich wünsche Dir und Jochen alles Gute und Liebe! @Norma Deinem letzten Absatz ist nichts hinzuzufügen. Wie man es nimmt, so hat man entweder ein reichhaltiges Leben oder nicht. Reichhaltig darf und sollte man nicht mit Geld gleichsetzen, sondern Erlebnissen und Erfahrungen. Fraglos könnte ich auch ohne Depression gut leben, doch gibt es keinen Königsweg zum Glücklichsein. Und je mehr ich über mein Leben nachdenke und Biographien Dritter lese wächst in mir die Überzeugung, daß in der Tat Glück nur von Innen kommt und nicht von äußeren Bedingungen bedingt ist. @Niki Ich wünsche euch allen einen schönen Abend und alles Liebe und Gute!
Susanne on May 17th, 2007 at 9:44 am #
Lieber Rene,
jürgen on June 2nd, 2007 at 11:31 pm #
hallo rene, liebe grüße Post a comment
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