Lange Zeit veröffentlichte ich nichts mehr in diesem meinem Blog, meinem Baby. Geburtsstunde des Depressionsblogs markierte der Wille, über meine Erkrankung und die damit einhergehenden Erfahrungen und Eindrücke in Wort und Bild Auskunft zu erteilen.

Geraume Zeit entzog ich mich diesem Anspruch und jetzt sehe ich wesentlich klarer auch die Gründe, weshalb ich mein Baby stiefmütterlich vernachlässigt hatte.

Aufgegeben hatte ich den Umgang mit der Krankheit. Aufgegeben hatte ich mich, meine Selbstachtung, mein Selbstwertgefühl, meinen Ehrgeiz, meinen Optimismus, meinen Charme, mein gewinnendes Auftreten, meine Begeisterungsfähigkeit, meine Empathie, meine Freude an anderen Menschen als auch die Sorge um diese.

Selbstanklage, gar Selbstjustiz ist meine Sache nicht, vielmehr geht es um Verantwortung. Der Zeitpunkt dies zu schreiben und zu veröffentlichen könnte besser nicht gewählt sein, mal wieder liegt mein Ich – für die Kliniker respektive Ego – danieder.

Fehler über Fehler häufte ich die vergangenen Jahre als trübe Option an, und die Aussicht auf die Zukunft erscheint alles andere als rosig oder vielversprechend.

Viele Eigenschaften, die mich haben Depression und Narkolepsie diagnostizieren und über weite Strecken auch therapieren ließen, erstrahlen nicht in ihrer vollen Blüte, sondern siechen vor sich hin.

Erneut komme ich mir vor wie Phoenix aus der Asche und das ist letztlich auch in Ordnung. Für meinen gegenwärtigen Zustand zeichne alleine ich verantwortlich im Sinne der Kausalität. Es geht nicht um Besserwisserei, sondern um das Eingeständnis, daß gewisse Ursachen und Bedingungen ein bestimmtes Ergebnis beeinflußt hatten. Folglich dürften andere Voraussetzungen auch andere Folgen zeitigen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit.

Arbeiten will und werde ich an mir. Gewissen Dingen bin ich überdrüssig, bestimmte Denk- und Sichtweisen als auch Verhaltensweisen meines Repertoires werde ich angehen und auf ihre Vorteilhaftigkeit für mich und meine Ziele prüfen. Gegebenenfalls werde ich sie modifizieren, teils auch beibehalten, teils auch aufgeben und durch neue, bessere ersetzen.

Ich kann mehr, ich kann es besser und ich will es bessermachen. Darüber zu schreiben ist fortan Aufgabe dieses Blogs, denn ich sah als letzter ein, daß ich viel zu lange und viel zu tief inmitten der Depression gefangen war.

Meine neuen Ziele orientieren sich also gerade an der Bekämpfung der Depression. Ich kann nicht leben ohne die Krankheit, sondern nur mit ihr.

Ich werde leben, weil ich leben will!



Comments:
8 Comments posted on "Mein Leben: Umbruch, Abbruch, Zäsur – mein Anfang nach dem Ende und wie es mit dem Depressionsblog weitergehen wird"
Rolf Grießhammer on February 13th, 2010 at 5:33 pm #

Es stecken schon sehr viele Einsichten in diesem Blog – und doch scheinen manche Fragen noch offen zu sein. Was also könnten Impulse sein, die das lösbar machen, was bisher unlösbar erschien? Ich neige dazu, nach dem Konkreten zu fragen: was also genau gilt es besser zu machen und wie lässt sich das erreichen? Ich erwarte dabei nicht unbedingt eine Antwort direkt auf dem Blog, denn Persönliches darf auch persönlich bleiben. Mein Interesse gilt eher methodischen Impulsen, die Ressourcen wecken können und Wege aufzeigen. Handfest und gründlicher als die Sprüche aus Ratgebern.


Worte zum Sonntag (#16) | nullwert on February 14th, 2010 at 1:28 pm #

[...] des Depressionsblog, so etwas wie dem inoffiziellen Vorbild für mein Tun hier, mit dem Blogeintrag Mein Leben: Umbruch, Abbruch, Zäsur – mein Anfang nach dem Ende und wie es mit dem Depressionsblo…. Ich stehe in keiner Verbindung zu ihm, trotzdem bewegt es mich sehr, das zu lesen. Ich wünsche [...]


psychoMUELL on February 14th, 2010 at 2:32 pm #

und was hast du die ganzen Monate gemacht?


Rene Kriest on February 14th, 2010 at 6:58 pm #

Ich werde die Tage darüber schreiben.

Nur so viel vorab: ich war teils fleißig, teils litt ich unter schweren Depressionen und unter dem Strich kam viel Schmerz heraus.


psychoMUELL on February 15th, 2010 at 8:43 am #

Ich werde die Tage darüber schreiben

Das will ich schwer hoffen!


Rolf Grießhammer on February 15th, 2010 at 1:42 pm #

Inneres Wachstum führt nie am Schmerz vorbei sonder mitten hindurch. Wenn der Schmerz groß war… wie groß muss dann das Wachstum sein!


Heinzi on February 17th, 2010 at 12:55 am #

Ich möchte gerne einen Link posten auf einen Text, der für mich tiefgreifend das Problem der Depressionen beleuchtet.

Es ist ein Zitat eines Buches, das könnt ihr dort ja entnehmen.

http://ad-sinistram.blogspot.com/2009/11/sit-venia-verbo.html

Wer Anfängt die Welt und sein Leben zu sehen wie es ist ohne Gründe erfassen zu können oder zu kennen, der ist von Depression verhältnissmäßig oft betroffen.
Depression ist REAKTION auf Desillusionierung, eine scheiß Welt, ein scheiß Leben und mieserable Chancen etwas zu errichten, das einem ein authentisches Leben ermöglichen kann. Verlogene Eltern, verlogene Gesellschaft, verlogene Arbeitgeber. Beschissener Alltag in einer brutalen lieblosen Gesellschaft, der nichts bietet, was erfüllend wäre.
Sicher, es gibt AUCH andere Gründe für dieses Symptombild, darauf möchte ich jetzt nicht eingehen.(Krankheitsbild ist irreführend).

Was mir aus meiner Jahrzehnte dauernden chronischen Depression geholfen hat, ist ein grundlegendes Welt- und Menschenbild, das die tatsächliche Realität abbildet und die Bereitschaft Ängste, Schmerz, Krankheit und Verlust zu akzeptieren, als Teile meines Selbst bzw. als Erfahrungen zu integrieren.

Warum sind wir Menschen wie wir sind?
Was prägt uns und woher kommen die düsteren Gedanken, was läßt sie entstehen, woher dieser Grübelzwang? Warum entsteht dieses Gefühl der Sinnlosigkeit? Was fehlt vielen Depressiven wirklich? Wie kann man eine Lebenseinstellung entwickeln, um diese Probleme in den Griff zu bekommen?

Diese Fragen (spontaner Auszug) habe ich mir in einiger Recherchearbeit beantworten können. Hifreich ist es allemal, für sehr Depressive, ist es warscheinlich nicht so leicht vorstellbar, doch ich kann aus Erfahrung sagen, daß trotz aller Schwierigkeiten der Weg vorwärts mit der Erkenntniss immer leichter wird und die eigene Spontanität und Gefühlswelt wieder erschließbar wird. Die Grundlage dafür ist die Akzeptanz eigener Probleme, die Aufrichtigkeit, mit der sie betrachtet werden und die Auflösung vorschütteter Konflikte. In vielen Fällen dürfte es auch nötig sein, seine eigene Persönlichkeit erstmal zu entdecken, die vielen Manipulationen rauszuschmeissen, die von Eltern, “Freunden”, Verwandten, Gesellschaft und anderen eingeimpft wurden.
Die eigene Persönlichkeit neu entdecken und neu entfalten. Das war mein Weg, ich bin sicher, daß mein Modell auch bei anderen helfen könnte (bzw. von erfahrenen Psychotherapeuten bestimmt mehr oder weniger auf diese oder ähnliche Weise angewendet wird).

Liebe Grüße, gute Besserung

Heinzi


Peter on March 31st, 2010 at 7:33 pm #

Wie macht man denn auf seinen Blog aufmerksam.

Gruss Peter


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