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Filed Under (Umgang mit Depression) by Rene Kriest on 21-10-2006

Wie kann man sein Wohlbefinden trotz schwerer Depression schlagartig ändern? Wie kann man mit einfachen Schritten dafür sorgen, daß es einem bessergeht? Viele Betroffene haben sich diese Frage gestellt und stellen sie sich mitunter tagtäglich – ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden.

Häufig führt der immerwährende Gedanke nach Besserung der eigenen Lage paradoxerweise zu einer Verschlechterung der Gemütslage, weil man die Baustellen seines Lebens entdeckt und nicht weiß, wie man mit ihnen umgehen soll.

Eine ganz einfache und sofort umsetzbare Möglichkeit, sich mentaler Erleichterung im Umgang mit der Krankheit zu schaffen, will ich einschließlich der daraus erwachsenden Vorteile und Möglichkeiten im folgenden vorstellen. Sie lautet: Offenheit.

Die mißliche Lage

Jeder Mensch steht im Verhältnis zu anderen Menschen. Depressiven ist eigen, daß viele sich über ihr Leiden, das als Schicksal wahrgenommen wird, ausschweigen. Rückzug ist die Folge. Begleiterscheinungen sind der Verlust von Freunden, Distanz zu Bekannten bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes.

Innerlich verarmt man, viel zu häufig kreisen die Gedanken nur um ein Thema, das sich bis hin zu Selbsttötungs-Gedanken verdichten kann. Einher geht diese Eigenheit mit Angst, Traurigkeit und Mattigkeit, ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Nicht-Verstanden-Werdens.

Die Zweifel besiegen

Und dennoch: nach außen hin will man funktionieren, sofern man noch nicht völlig resigniert hat, will unter größter Anstrengung die Fassade wahren, sich nichts anmerken lassen – so jedenfalls war es bei mir. Zur erheblichen Verschlechterung trug bei, daß gerade diese Fassade immer häufiger zu bröckeln begann, alte Risse sich vergrößerten und neue hinzutraten.

Mein Bemühen, den Schein zu wahren, nahm zu. Hierzu bediente ich mich der ältesten Strategie der Menschheit: der Lüge. Ausreden mußten als letzte Instanz der Ich-Wahrung herhalten, weshalb ich in letzter Sekunde einen Termin absagte, auf der Arbeit fehlte, Freunden gegenüber übelgelaunt war und auf Tauchstation ging, und immer öfter unpünktlich war.

Der mögliche Ausweg und die mögliche Bremse

Gegenbild hierzu war, offen mit meiner Krankheit umzugehen. Statt mein Lügengebäude aufrechtzuerhalten, statt mich noch schlechter zu fühlen, wenn es mir ohnehin schon schlecht ging, könnte ich auch einfach offen zu meiner Mitwelt sein.

Soweit die Theorie. Der Umsetzung standen viele Ängste und Befürchtungen entgegen. Typischerweise verstecken sich Sorgen und Ängste in „aber wenn“-Phrasen: aber was passiert, wenn die Umwelt nicht so reagiert, wie ich das gerne hätte; wenn man mich deswegen meidet; wenn, ja wenn?

Das Erstaunen

Wie kann man „aber wenn“-Phrasen besiegen? Indem man sie überprüft. Langsam tastete ich mich vor. Zuerst band ich meine Eltern ein, dann die Geschwister, es folgten erste sehr gute Freunde, Verwandte usf.

Das verblüffende Ergebnis: eine Woge der Empathie und des Mitgefühls umgab mich. Verständnis, Wohlwollen und Sorge wurden mir entgegengebracht wo vorher Unverständnis, Ablehnung und Gleichgültigkeit mehr und mehr dominierten.

Das Wie

Selbstverständlich mußte ich Aufklärung im Detail betreiben, über meine Krankheit berichten, und auch darüber, wie man am besten mit mir umzugehen hätte, eben um Verständnis werben. Kaum jemand lehnte mein Geständnis ab; kaum jemand reagierte abfällig. Jene, die es dennoch taten, ein oder zwei von vielen an der Zahl, habe ich nach einer Aussprache gestrichen.

Was mir meine Offenheit gebracht hat? In erster Linie brachte sie mir viele positive Eindrücke. Kaum, daß ich mich zu meiner Krankheit bekannt hatte, folgten auch andere diesem Beispiel oder wußten ihrerseits von ihrem Verhältnis zu Depressiven zu berichten. Hierdurch wurde mein Erfahrungsschatz durch den regen Austausch mit anderen enorm vergrößert. Mit anderen Worten: ich gab ein wenig Offenheit und erhielt sehr viel im Gegenzug an Erfahrungen, die mir sehr halfen, mich mit meiner neuen Lage anzufinden und sie zu festigen.

Die weitere Voraussetzung der Offenheit

Offenheit setzt Selbstakzeptanz voraus, was wiederum bedeutet, daß man sich als Depressiver annimmt. Zuerst mag man dies als Nachteil, gar als Stigma ansehen. Vertieft man jedoch den Gedanke, eröffnen sich einem viele neue Möglichkeiten.

Kaum daß ich für mich angenommen hatte unter Depression zu leiden und krank zu sein, dachte ich daran, welchen Nutzen ich hieraus für mich und andere ziehen könnte. Soziales Engagement in einer Selbsthilfegruppe, Behinderten-Hilfe – plötzlich sah ich nicht nur schwarz, sondern es taten sich viele weiße Flecken auf. Weit mehr, als ich mir je zu träumen gewagt hatte.

Die Erleichterung und das Glück

Das Beste jedoch war, daß ich im sozialen Umfeld die Bindungen steigern konnte. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist besser als je zuvor, meine Freunde bringen mir viel Entgegenkommen bei, einfach aus dem Grund, daß sie um mich und meine Lage wissen. Auch ihnen fiel es nicht leicht, den undankbaren Befund anzunehmen. Doch nicht nur ich sah mich in einem neuen Licht, sondern auch sie umgekehrt mich.

Ausreden bedarf ich keiner mehr, im Gegenteil. Geht es mir nicht gut, wird mir Hilfe angetragen. Früher verprellte ich meine Umwelt, wenn ich aus – nach alter Sicht der Freunde – wegen fadenscheinigen Begründungen ein Treffen ausfallen ließ, oder scheinbar unzuverlässig war. Wer seinem Geiste Entlastung bringen möchte, der sollte sich seiner Umwelt offenbaren.

Habt ihr Erfahrungen im Umgang mit Depressiven oder deren Angehörigen gemacht? Wie fielen diese aus? Über Kommentare hierzu würde ich mich freuen. :)



Comments:
6 Comments posted on "Weshalb man offen mit seiner Depression umgehen sollte"
Adam on January 16th, 2007 at 10:08 pm #

Hallo Rene.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich jeder, dem ich davon erzähle, von mir entfernt. Deshalb habe ich mir eine Mauer aufgebaut, die notdürftig die 8 Stunden täglich hält, in denen ich draußen bin.

Ich habe keine Ahnung was ich noch tun soll, generell würde ich sagen, dass ich weiß, dass ich auf beide Arten alleine bin. Wenn ich es jemandem erzähle, verlässt er mich, wenn ich es jemandem nicht erzähle, bin ich auch alleine. Vielleicht ist es einfach Schicksal dieser vielen Depressiven, dass an ihnen das Leben vorbeigeht, dass andere ihr Leben leben.


Rene Kriest on January 21st, 2007 at 4:24 pm #

Hallo Adam! :)

Wie ist das zu verstehen, daß sich Personen, gegenüber welchen Du Dich mit Deiner Krankheit offenbart hast, zurückzögen?

Ich habe bislang die Erfahrung gemacht, daß ich nur einen verschwindend geringen Anteil an Freunden und Bekannten durch Mitteilung meiner Depression verloren habe. Das war aber auch nicht weiter tragisch.

Ich finde es besser, acht Stunden am Tag in einer Umwelt zu sein, die weiß, was mit mir los ist. Natürlich steht es jedem frei, daß anders zu sehen.

Von Dir würde ich gerne wissen, welche Erfahrungen Du gemacht hast bislang.

Grüße,

René


Corina on January 22nd, 2007 at 5:54 pm #

Habe es auch meinen Freunden gesagt, bzw.sie waren ja da, nach meinem ersten Suizidversuch ( da sie und auch ich im Rettungsdienst tätig sind) und haben dann auch mitbekommen, als ich in die Klinik gekommen bin.
Naja, jetzt heißts halt immer wenns mir wieder schlecht geht und ich irgendwie am Jammern bin, anderen gehts noch schlechter. “R” (eine bekannte von uns, leidet an einer Psychose) gehts noch viel schlechter, da brauchst du gar nicht jammern. Das geht doch wieder vorbei. Lass dich nicht so gehen. Du musst dagegen ankämpfen. Du willst doch nur unsere Aufmerksamkeint….
Da fühlt man sich echt super.
Soweit meine Erfahrungen.

Gruss
Corina


Rene Kriest on January 22nd, 2007 at 6:20 pm #

Hallo Corina! :)

Danke für Deinen Kommentar und die Schilderung Deiner Erfahrungen im Umgang mit anderen.

Was Dir da im Freundeskreis widerfährt, ist wirklich übel. Ich finde die Reaktion Deiner Freunde völlig unangemessen. Vor allem das Aufrechnen des Leids einer Bekannten (“R”) gegenüber Deinem sollte man unterlassen. Das bringt nichts, denn wo soll das enden?

Ähnlich Erfahrungen hatte ich auch schon gemacht. Mir wurde mal gesagt “Stell Dich nicht so an! In Afrika sterben Kinder! Und Du machst einen auf schwerkrank!”. Auch nicht schlecht, oder?

Vielleicht schaust Du mal in die anderen Artikel und druckst mal etwas davon aus oder schickst die Links an Deine Freunde. Möglicherweise denken sie dann endlich anders über Dich und nehmen Deine Krankheit ernst.

Alles Gute und liebe Grüße,

René


Christa on June 20th, 2007 at 12:35 am #

Man kann, so glaube ich, mit einer Depression zunächst gar nicht offen umgehen.

Das heimtückische an dieser Krankheit ist, dass man erst im Rückblick, wenn man sie so gut wie überwunden hat, erkennt, dass man in einer Depression war – So ging es zumindest mir.

Meine Freunde waren damit überfordert. Lediglich mein bester Freund blieb (http://ver-rueckt.net/?p=333&click=)

Ich lebe seit gut 10 Jahren mit Medikamenten und habe mich mit diesen arrangiert. Eine andere Möglichkeit, gut meinen Alltag zu lebenm, gibt es für mich nicht.

Christa


Rene Kriest on June 20th, 2007 at 12:12 pm #

Hallo Christa!

Schön, von Dir zu lesen.

Anfangs wollte ich auch nicht recht glauben, was mir da widerfuhr, als ich mehr und mehr merkte, daß ich nahezu sämtliche Kriterien einer schweren Depression erfüllte.

Doch war ich über die Diagnose sehr froh, denn so konnte ich mein Leben darauf einstellen.

Dank Medis geht es mir wesentlich besser. Mittlerweile merke ich rasch, wenn mal wieder eine Depri-Phase, ein Depri-Schub über mich herfällt.

Viele Grüße,

René


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