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Offen mit seiner depressiven Erkrankung umzugehen im Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis hat Vorteile. Neun davon möchte ich in diesem Artikel beleuchten. Selbstverständlich bietet die Offenheit keine Garantie auf Verständnis und Rücksichtnahme besagten Adressatenkreises, jedoch die Möglichkeit und Chance hierauf. Ohne Offenheit wird man sie nie erhalten. Sie ist also der erste notwendige Schritt dorthin. Weiß die Umwelt, die meist aus Freunden und Verwandten besteht, von der Krankheit und vor allem deren Folgen, erscheint so manches Verhalten in einem ganz anderen Licht, üblicherweise zum Vorteil des Kranken. Ausreden, weshalb man nicht mehr so gerne unter Leute geht oder den ganzen Tag müde ist, braucht man nicht mehr zu bemühen, sondern kann sie sachlich begründen. 2. Vertrauen wird gegeben, Vertrauen wird einem entgegengebracht Wer Vertrauen gibt, indem er andere in sein Geheimnis einweiht, wird für diesen Vertrauensbeweis nahezu immer belohnt. Belohung kann in diesem Falle aus Verständnis bestehen oder auch weiterführenden Informationen. Halbwegs selbstbewußt ausgesprochen, kann diese Mitteilung dazu führen, daß auch andere über ihre Erfahrungen mit depressiven Freunden und Bekannten berichten. Erfahrungsaustausch ist die Folge. Oftmals schildern die Involvierten auch von anderen, vergleichbaren chronischen Krankheiten und deren Bewältigung, was ebenfalls einen fruchtbaren Erfahrungsaustausch bedeutet. 3. Ausreden sind nicht mehr nötig Wie häufig schon bemühte man Ausreden, also schlicht Lügen, um Termin-Absagen wie kurzfristig auch immer, begründen zu können? Überlicherweise gehen mit der Depression nicht weniger unangenehme Begleiterscheinungen einher wie Angstörungen, Panikattacken und vor allem Sozialphobie. Es macht einen Unterschied, ob man sich grundsätzlich nicht mehr mit Freunden außerhalb treffen möchte wegen der Sozialphobie etwa, oder ob man diese besser nur noch zu Hause empfangen möchte. Den Unterschied versteht nur, wer um die Krankheit weiß. 4. Gefühl der Erleichterung Geheimnisse im allgemeinen und das fortschreitende Versteckspiel mit Widersprüchen belasten einen obendrein. Schuldgefühle sind zumeist die Folge. Im Falle der Depression eine weitere Beschleunigung der Abwärtsspirale. Auf das offene Bekenntnis zur Krankheit folgt die Einsicht, daß alleine das Aussprechen schon für Erleichterung sorgt. Dies ist auch wichtig für den eigenen Therapieerfolg. 5. Mut und Offenheit werden signalisiert Wie wirken öffentliche Kampagnen und Engagements Prominenter auf die Umwelt? Auf mich wirken etwa Schauspieler, die von einer Krankheit betroffen sind, niemals peinlich, sondern mutig und anerkennenswert. Dem Beispiel nacheifern und folgen kann man auf einfache Weise, indem man sich ebenfalls offenbart. Die Umwelt reagiert, zwar häufig unausgesprochen, aber dennoch mit Anerkennung. Das eigene Selbstvertrauen wird gestärkt. 6. Anreiz für Betroffene, sich ebenfalls zu öffnen Letztlich kann die Beichte auch dazu führen, daß sich einem andere, von denen man ebenfalls nicht erwartet hätte, daß sie depressiv seien, einem offenbaren. Und wer hätte nicht gerne eine Person zum Austausch? 7. Möglicher Erfahrungsaustausch Wenn Betroffene, direkt oder auch mittelbar, ihre Eindrücke mitteilen, entsteht ein Erfahrungsaustausch. Von diesen kann man nur profitieren. Irgendein Tip fällt immer ab. Häufig ist Depressiven zueigen, daß sie denken, ihr Zustand sei einzigartig. Dem ist aber nicht so. Viele der an sich selbst festgestellten Symptome besitzen auch andere Depressive. Vom Umgang mit Depression auf der Arbeit oder in der Familie kann man nie genug erfahren. 8. Verbesserte Selbstakzeptanz Irgendwann blickt man selbst nicht mehr durch, wenn man sich im Geflecht von Ausreden und Selbstverleugnung verheddert. Wer sich selbst so annimmt, wie er ist, nämlich an Depression erkrankt zu sein, stärkt das Vertrauen in sich. 9. Neue Chancen ergeben sich Wer um die Einschränkungen infolge der Krankheit weiß, kann beginnen, gegen die Einbußen vorzugehen, soweit das möglich ist, und kann vor allem auch seine Schwächen anzunehmen lernen. Illusionen hängt man üblicherweise nicht mehr an, wenn man sich im klaren ist, was depressiv zu sein bedeutet. Alte Informationen tauchen plötzlich in einem ganz anderen Zusammenhang auf durch den Perspektivenwechsel. Möglicherweise kann man bestimmte Hilfsprogramme in Anspruch nehmen oder an neuen Therapien teilnehmen. Üblicherweise resultieren diese Chancen aus dem Erfahrungsaustausch mit anderen. Kennt ihr noch weitere gute Gründe, die für den offenen Umgang sprechen? An Kommentaren von euch hierzu bin ich sehr interessiert.
Comments:
4 Comments posted on "9 Gründe offen mit seiner Depression umzugehen"
Ulf on December 13th, 2006 at 1:04 pm #
Ich stelle mittlerweile fest, daß ich a) mehr Mut habe, offen damit umzugehen und b) sogar auf Verständnis stoße. Es macht in der Tat Sinn, sich nicht ztu verstecken. Mit jedem rede ich da aber auch nicht drüber, aber das ist ja auch bei anderen Sachen so…
Martin on January 29th, 2007 at 3:39 pm #
Naja, ich antworte mal mit einem entschiedenen Jein. Die Offenheit in allen Ehren, aber ich denke, es wird nicht jeder Verwandte / Bekannte mit Verständnis reagieren.
Rene Kriest on January 30th, 2007 at 10:56 am #
Hallo Martin! Schön, daß Du anderer Meinung bist. Somit bekomme ich auch mal andere Erfahrungen mitgeteilt. Bei mir war es auch so, daß nicht jeder mit Verständnis reagiert hat. Allerdings wurde dadurch mein Verhalten der letzten Jahre erklärbar und verständlicher. Auch fingen viele Menschen an, mich sorgsamer zu behandeln und entsprechend meiner Tips mir anders gegenüber aufzutreten. Meine Mutter etwa streitet nicht mehr mit mir, sondern ist völlig ruhig und redet ganz normal mit mir oder wäscht für mich, wenn nichts mehr geht. Sie weiß ja, weshalb. Teils hat es auch zu Übervorsicht geführt. So wollen mache nahezu täglich von mir Rapport erstattet bekommen und falls ich mal ein oder zwei Tage Funkstille vorziehe, machen sich manche schon große Sorgen um mich und mein Wohlbefinden. Inwiefern denkst Du, daß Du „ausgesorgt“ hättest, wenn Du Deiner Freundin im Büro darüber berichten würdest? Wie viele Menschen hast Du schon anvertraut, depressiv zu sein? Liebe Grüße, René
Die 15 besten Artikel des Januars 2007 » depressionsblog.com on February 1st, 2007 at 7:35 am #
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