Zugegeben: wer schätzt sie nicht, die Tabletten mit Geschmack, die auf der Zunge zergehen und keinen bitteren Nachgeschmack hinterlassen? Die Tabletten, die wie lecker Brausepulver aus der Jugend schmecken? Medikamente zum Gernhaben also – und gelegentlich tödlich obendrein.

Täglich nehme ich Lamictal mit dem Wirkstoff Lamotrigin ein. Beigemischt ist dieser Tablette ein Geschmacksstoff namens „Schwarze Johannisbeere-Aroma“. Was sich auf den ersten Blick so harmlos und unverfänglich liest bedeutete vor zwei Wochen beinahe mein Todesurteil.

Was war passiert?

Nun, eigentlich ist Lamictal/Lamotrigin ein Wundermittel. Nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Depressive. Und auch in diesem Blog wird es zurecht als solches angepriesen.

Seit zwei Wochen aber weiß ich, wie dicht Glück und Suizid beieinander liegen können.

Zugetragen hatte sich, daß ich von einem Lamotrigin-Generika auf ein anderes umgestiegen bin. Derselbe Wirkstoff nur von einem anderen Pharmazeuten – welche Überraschung sollte mich also da schon erwarten? Gutgelaunt nahm ich die 100 mg Tablette Lamotrigin ein.

Doch dieses Mal war alles anders:

  • nach 30 Minuten war ich völlig in eine schwere depressive Episode katapultiert worden;
  • ich hatte Angst;
  • weitere 60 Minuten später hatte ich Panikattacken;
  • es traten erste Suizidgedanken auf, da ich diese Pein nicht ertragen konnte.

Alles geriet aus den Fugen, wie nie zuvor, seitdem ich Lamictal/Lamotrigin einnehme. Trotz allem sich plötzlich auftuenden Unheil versuchte ich mich in Durchhalteparolen, daß diese Symptome nur vorübergehend sein würden und jede Minute das Medikament greifen müsse. Unerschütterlich war mein Glaube an Lamictal/Lamotrigin. Wenn aus meiner Sicht etwas wider meine Depression wirkte, dann war es dieses Präparat. Dachte ich.

Gegen abend verlor sich mein Glauben an irgendwelche Besserung endgültig, als ich anfing aus heiterem Himmel heraus zu heulen wie ein Schloßhund. Bewährt hatte sich in solchen Situationen das Beruhigungsmittel Temesta mit dem Wirkstoff Lorazepam, einem Benzodiazepin.

Üblicherweise genügten in solchen akuten Krisenphasen 2 mg Temesta, um mich im Wortsinne zu beruhigen und meinen Zustand schlagartig zu bessern.

Doch dieses Mal war alles anders:

  • nach 30 Minuten merkte ich nichts von den Benzodiazepinen;
  • eine halbe Stunde später probierte ich es mit einem weiteren mg Temesta;
  • auch zwei Stunden nach den ersten 2 mg Temesta tat sich nichts.

Jetzt waren die innerhalb meiner schwere depressiven Episode noch zu einem halbwegs sinnvollen Gedanken fähigen Kapazitäten meines neuronal geschädigten, und damit depressiven Hirnes, völlig verstört. Wenn selbst das sonst so knallharte und Ultima ratio-Mittel nicht mehr wirkte – was dann? Ja, was dann?

Nachvollziehen kann ich die Gründe nicht mehr, aber ich warf im 15-Minutentakt – Benzos greifen in der Regel nach 5 Minunten – bald 1, bald 2 mg Temesta nach, bis ich schlußendlich 10 mg Benzodiazepin in mir hatte.

10 mg Benzodiazepine!

Höchstmenge pro Tag markiert laut Beipackzettel 2,5 mg – in „Notfällen“. Erst mit 10 mg wurde es langsam ruhig, die Anspannung und Agitiertheit löste sich entgegen sonstiger Erfahrungen ganz langsam. Auch war und wurde ich durch die Temesta nicht müde, was mich auch stark wunderte.

Der nächste Tag sollte es also bringen.

Am nächsten Tag aufgewacht, stürzte ich mich regelrecht auf mein Lamictal. Wieder flößte ich mir meine bis dato so wirksame Mischung Medikamente bestehend aus meinem Antidepressivum Paroxetin (Paroxat/Paxil) und meinem Stimmungsstabilisator, eben jenem Lamictal/Lamotrigin ein.

Doch dieses Mal war alles anders:

  • keine Veränderung zu gestern deutet sich an, im Gegenteil;
  • Verzweiflung bemächtigte sich meiner;
  • Hoffnungslosigkeit gesellte sich hinzu;
  • abends mußten es dieses Mal 8 mg Benzos richten.

Mangels Möglichkeit zum Psychiater zu gehen, verbrachte ich die kommenden Tage völlig depressiv und unter massiven Suizidgedanken – meine Freundin versteckte alle Messer – in einer Welt der Entmutigung. Plötzlich verließ mich jede Aussicht auf Eindämmung der Depression. Niemals zuvor fühlte ich mich derart enttäuscht. Derart viel Hoffnung kraft bester Wirkung hatte ich in Lamictal/Lamotrigin gesetzt, daß mir dieser über eine Woche währende Einbruch einen deutlichen Knacks bescherte.

Wie ging es weiter?

In meinen lichten Momenten klapperte ich das Internet nach allen möglichen Erklärungsversuchen und Erfahrungen zu Lamictal/Lamotrigin ab. Sehr häufig stieß ich dabei auf meinen Blog. Selbst dieser wußte keine Antwort auf mein sehr buchstäbliches Leiden.

Wie von Sinnen durchwühlte ich meine Medikamenten-Sammlung und stieß auf eine Packung jener Tabletten Lamotrigin, mit welchen ich früher keine Probleme hatte. Ohne zu zögern gönnte ich mir über meine eingenommene Tagesdosis nicht wirkenden Lamotrigins weitere 50 mg Lamotrigin.

Doch dieses Mal war alles anders:

  • nach wenigen Minuten hellte und klarte meine Stimmung auf;
  • ich fühlte mich im Vergleich zu der schweren depressiven Episode nahezu symptomfrei;

Erleichtert und auch sehr erschöpft setzt ich mich hin und nutzte den lichten Moment, um zu rekapitulieren, was sich ereignet hatte. War ein Lamotrigin gleicher als das andere?

Was war also des Rätsels Lösung?

Detektivisch-investigativ verglich ich wie ein Getriebener pedantisch und voller Akribie die beiden Beipackzettel des „böse“ und des „guten“ Lamotrigins. Am Ende der Beipackzettel sind bei in Deutschland vertriebenen Präparaten jeweils die Inhaltsstoffe (Ingredienzien) aufgeführt.

Immer wieder wanderte mein Auge von einem Zettel zum anderen. Wo lag der Unterschied, falls es einen gab? Und am Aromastoff „schwarze Johannisbeere“ blieb ich hängen. Dieser machte den Unterschied zwischen beiden Präparaten aus. Das „böse“ Lamotrigin besaß diesen Inhaltsstoff, während das „gute“ ohne diesen auskam.

Es dauerte noch knapp drei Tage, ehe ich wieder halbwegs von meiner depressiven Symptomatik halbwegs genese war durch Nutzung des „guten“ Lamotrigins. Aus meiner Sicht markierte dieses Aroma, dessen Anteil an 100 mg Lamotrigins ganze 0,1 mg ausmachte, den Unterschied, der den Unterschied machte zwischen etwas Wohlbefinden trotz Depression und Suizidgefahr trotz Medikamentierung.

Nachforschungen bei einem Pharmahersteller brachten auch keine wirklichen Erkenntnisse hierzu. Möglicherweise liegt eine (pseudo-) Allergie auf das Aroma vor. Genaueres versuche ich noch durch weitere Recherchen zu klären.

Bleibt nur die Frage, wozu man aromaversetztes Lamictal/Lamotrigin verwendet

Es ist recht einfach. Liest man den Beipackzettel ganz genau, so wird man ersehen, daß das „gute“ Lamotrigin zum Schlucken gedacht ist, während das „böse“, mit dem Aromastoff „schwarze Johannisbeere“ versetzte Lamotrigin, nicht nur zum Schlucken, sondern auch zum Lutschen gedacht ist.

Aroma = guter Geschmack = lutschen

Schlußendlich habe ich wieder etwas gelernt. Freud und Leid machen manchmal nur 0,1 mg aus. Um einen Vergleich zu bemühen: Unter 1000 Losen ist ein Glückslos versteckt. Ausgerechnet dieses zieht man. Ziemlich unwahrscheinlich, oder?

Mittlerweile bin ich wieder einigermaßen auf meine Status quo ante angelangt. Geblieben allerdings ist besagter Knacks. Beschreiben kann ich es nicht genau. Mein bestehendes Urvertrauen in Medikamente und damit vor allem Psychopharmaka ist ungebrochen. Ins Wanken gekommen ist allerdings meine Vorstellung von der fragilen Welt, der ich Depressiver leben.


Wenn mich nur 0,1 mg ins Wanken bringen kann und nur Zufälle einen Ausweg und Erklärung bieten – wie sollte ich mich dann für die Zukunft wappnen, wenn neue Medikamente rauskommen, die ich ausprobieren möchte? Ist es der Wirkstoff selbst, der nicht greift, oder wieder nur 0,1 mg einen sonstigen Inhaltsstoffes, der mit dem Wirkstoff verbunden ist? Und wieso mußte ich mich erst mit 10 mg Benzos zudröhnen, bevor es mir besser ging?

Vielerlei Fragen, deren Antworten ich hoffentlich die kommenden Wochen und Monaten ergründen werden kann.

PS: Don´t try this at home. ;)



Comments:
14 Comments posted on "Legal und auf Rezept: Wie ich mit 0,1 mg Lamictal vor 2 Wochen Suizid hätte begehen können"
Susanne on February 21st, 2007 at 9:43 am #

Bei so heftigen Suizid-Gedanken würde ich in eine Klinik gehen.
Übrigens ich war mal für einige Wochen auf ca 21mg Diazepam ;-) .


Susanne on February 21st, 2007 at 10:20 am #

Eigentlich müsstest du es noch einmal testen, damit du dir sicher sein kannst, das es von diesem Lutsch-Lamcital kam, was allerdings nicht unbedingt zu empfehlen ist.


Rene Kriest on February 21st, 2007 at 10:44 am #

Getestet hatte ich das schon, abends einmal. Das war nicht gut.

Das Dumme an solchen Mitteln ist, daß diese einen – zumindest mich – gleich für ein bis drei Tage wegklatschen. Das geht mir voll auf die Nerven. Jeder Test kostet mich ein paar Tage, in denen nichts läuft.

Witzig wäre es ja noch, wenn man motiviert und gut gelaunt wäre. Dann könnte man über eventuelle Nebeneffekte, wie das lustige Schwanken unter 10 mg Benzos am nächsten Tag, noch lachen.

Allerdings wird ja die Laune auch massiv in den Keller gezogen, sonst wäre es ja auch keine Depression. Und das geht mir auf die Nerven.

21 mg Valium sind schon nicht übel. Und das einige Wochen?!

Ich will nicht unbedingt in eine Klinik. Zu widersprüchlich sind diesbezüglich meine Erfahrungen basierend auf Erfahrungen Dritter. Deiner Empfehlung würde ich schon folgen, da ich auf Deine Ansichten viel gebe.

Liebe Grüße,

René


Susanne on February 21st, 2007 at 11:29 am #

Lieber Rene,
wenn du fit bist, könntest du dich in Ruhe nach einer Klinik umsehen und sie dir auch ansehen.

Ich würde dir raten, mal auf eine Depressions-Fachstation zu gehen, der Aufenthalt dort ist in der Regel lang, vor allem für Leute, die schon sehr lange depressiv sind und bei denen Medis nicht so wirken.

Ich werde dieses Jahr auch noch mal auf diese Station gehen.
Weil ich mir vorgenommen habe, sämtliche Medi-Kombinationen durchzuprobieren [das dauert eben ;-) ], die es gibt, weil ich so nicht auf Dauer leben kann und will.
Auch wird stationär viel höher dosiert als ambulant.


Susanne on February 21st, 2007 at 11:34 am #

Zu den 21 mg Valium, die habe ich ca. 4-5 mal täglich flüssig bekommen, weil ich mir da schon so etwas gekauft habe und in meinem
Schrank deponiert hatte. aber ich konnte mich ja zum Glück daran erinnern, dass es NUR GEDANKEN sind ,die aber auch tödlich enden können.
Auf so einer Station kannst du mit diesen Gedanken offen umgehen und nein, sofern du Absprache-Fähig bist, kommst du auch nicht auf eine geschlossene Station.


Lisa on February 28th, 2007 at 9:00 pm #

Also darüber lachen kann ich nicht. Ich finde es scheiße, dass so etwas online zu kaufen gibt. Ich habe einen guten Freund wegen solch einer Droge verloren. Er hatte sich mehrere mg online bestellt von einem Mittel (kenne den Namen nicht) und sein Körper ist komplett verkrampft worden und ist damit gestorben.


Lasse H. Petersen on April 11th, 2007 at 9:26 am #

Wirklich interessant! Dein blog war einer der Hits, die ich mit “lamotrigin modafinil” bei Google gefunden habe. Ich nehme seit Februar Modiodal wegen ADD (Aufmerksamkeitsdefizit in deutsch?) und hatte plötzlich einen Tag mit schlimme Stimmungsschwankungen. Am Morgen im Bad, fing ich grundlos an zu weinen. Später, im Supermarkt, wurde ich ebenfalls grundlos total wütend. Dabei war mir völlig bewusst, das diese Gefühle “künstlich” waren. Der Psychiater schrieb mir dann Lamictal auf, ich habe dann aber nachgelesen auf dem WWW, und mich entschlossen es zu vermeiden. Ein Mittel das so “riskant” ist, zu nehmen, nur um Nebenwirkungen von ein anderes Medikament zu lindern, finde ich übertrieben. Was ich dann hier lese, stimmt damit gut überein. Vorläufig jedenfalls kein Lamictal für mich! Damit bestimmt nicht gesagt das dies sich nicht ändern kann, oder das ich irgendwie dein Erfolg mit (einer bestimmten Marke von) Lamotrigin bezweifle.

-Lasse H.Petersen, Dänemark


joe on April 15th, 2009 at 1:03 pm #

ich würde dir da gern nochmal was privat zu schreiben ? haste ne email andresse ?? meine ist xxheadspin@yahoo.de meld dich mal.gruss


Einfach nur Dumm... on January 20th, 2010 at 3:05 am #

Bei einer Panikattacke muss man nur versuchen bissl runter zu kommen und mit jemandem reden, da vll dazu max. 2mg Temesta oder bissl Truxal nehmen aber sicher nicht 10mg.

Da bringste dich eher damit um als deine Suizidgedanken zu verwirklichen, die zu 90% sowieso immer nur ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit ist.

Schon mal überlegt das es (richtig) schwerkranke Menschen gibt die trotz einer 10% Heilungschance net rumjammern.

Scheiss Modekrankheit, ist für mich auf der selben Stufe wie Kinder mit Ritalin vollzupumpen, denkt mal über euer Leben nach.


fee on February 1st, 2010 at 6:50 pm #

Mann motz hier nicht rum! Sei froh wenn du in deinem Leben alles so gut auf die reihe bekommst! Du bist a bissl dumm, drum lass dich mal aufklären! Das ist hier keine Modekrankheit sondern das fehlen von bestimmten Botenstoffen im Gehirn! bei dir fehlt auch was, nämlich Taktgefühl!


Marco on June 7th, 2010 at 10:25 pm #

Ich bin auf der Suche nach der Wirkung von Johannisbeere bzw.dessen Geschmacksstoff hier gelandet. Nur bei mir (ich hasse Pillen) hatte es genau den Gegenteiligen Effekt. Durch Zufall, es war in einem Zinkpräparat. Als ich dieses wechseln mußte, dann mit Zitrone als Geschmacksstoff lies die positive Wirkung nach. Bis dahin dachte ich es lag am Zink. Auch ich verglich die Inhaltsstoffe. Bin jetzt auf natürlichen Johannisbeerprodukte umgestiegen, wobei man sagen muß, der Billigsaft/Joghurt aus dem Supermarkt bringts nicht. Vieleicht war es bei dir eine Wechselwirkung, oder einfach zu viel. Möchte nicht ausprobieren was bei einer “Überdosierung” passiert, da ich die Wirkung nicht missen möchte.


Rene Kriest on June 8th, 2010 at 9:23 am #

Hallo Marco!

Verstehe ich Dich richtig, daß Du gerne Säfte trinkst zur Medikamenteneinnahme? Generell ist Vorsicht geboten bei der Kombination von Säften und Medikamenten, weil Säfte teilweise die Wirkung der Medikamente aufheben oder auch verstärken können.

Besonders heftige Reaktionen kann Grape-Fruit-Saft auslösen, da Grape-Fruit bestimmte Enzyme in der Leber hemmt, so daß das Medikament nicht richtig abgebaut wird und länger im Körper verweilt, was de facto einer Überdosierung gleichkommen kann bei bestimmten Medikamenten.


Chrisu on August 23rd, 2010 at 10:19 am #

Hallo,
bin froh über Google auf Eure Seite gekommen zu sein. Ich leide seit sehr vielen Jahren unter Depressionen – wehe dem, der glaubt, daß sei nur eine Mode!!!! – Ich wechsle jetzt von Zoloft auf Lamictal (mit Johannisbeeraroma) – bei ersten Einnahmetag ging es mir auch megaschlecht. Ich fing urplötzlich an ganz fürchterlich zu heulen und konnte mich nicht stoppen. Die Suicidgedannken wurden so drängend, daß ich fast so nah war die Klinik anzurufen. Mal sehen ob die weitere Einnahme besser wird.


James B on August 27th, 2010 at 11:35 am #

Psychopharmaka sind ver****** Drogen, wie in aller Welt könnt ihr freiwillig sowas zu euch nehmen?


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