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Neulich stieß ich in einem Forum für Depressive auf die Frage, welcher Subkultur man angehöre. Spontan warf ich die Gegenfrage auf, ob es überhaupt noch Subkulturen gäbe in Zeiten, in denen man eher in die Öffentlichkeit drängt, als sich im verborgenen der unbeobachteter Selbstentfaltung und den eigenen Regeln hinzugeben, wie Reality-Show, Doku-Soaps und Superstar-Suchen eindrucksvoll bezeugen. Doch wie steht es um die Gemeinschaft der Depressiven? Gibt es so viele Gemeinsamkeiten, die Nicht-Depressiven unerkannt bleiben, so daß man von einer Subkultur der Depressiven sprechen kann? Wo gibt es noch Subkulturen? Mein Unterbewußtsein ließ diese Frage fortan nicht mehr los. Langsam begann es zu dämmern: könnte es sein, daß die Gemeinschaft der Depressiven eine Subkultur bildet? Daß Depressive ein gemeines Band des gegenseitigen Verständnisses und der Verbundenheit unsichtbar vereinigt? Hat sich nicht gerade vor den Möglichkeiten, die das Internet bietet, in Foren ein eigener Umgang und Verhaltenskodex herausgebildet, den man als kennzeichnend für eine Subkultur betrachten könnte? Spurensuche Tatsache ist, daß das Gros der Depressiven ungemein viel unbedingtes Verständnis für die Lage anderer Depressiven innewohnt. Zu beobachten ist eine Welle der Sympathie für Depressive untereinander, die stets in Hilfsbereitschaft übergeht. Gemeinsamkeiten der Depressiven Tips und Erfahrungen über die Krankheit und vor allem über Medikamente werden miteinander ausgetauscht, wie sonst nur Kochrezepte unter Hausfrauen. Bei Treffen bleibst man lieber unter sich – etwas, das ganz typisch ist für eine Szene. Jeder Depressive, also jedes Mitglied dieser Subkultur, verfolgt ganz ähnliche Riten, je nach Richtung innerhalb der Subkultur. Meist beginnt der Tag mit der Zusammenstellung des eigenen Medikamenten-Cocktails und man hört erst einmal in sich hinein, was die innere Stimme und das Gefühlleben zum Thema Tagesform mitzuteilen weiß. Die Geheimsprache der Depressiven wird entschlüsselt In Gesprächen untereinander, die zwecks Interessensbündelung häufig über Foren ausgetragen wird, bemerkt man auch die Geheimsprache der Depressiven. Außenstehenden fällt es nicht leicht, Sinn und Bedeutung von Schlagworten wie
ohne Schwierigkeiten zu identifizieren; bisweilen fällt dies selbst Depressiven schwer, vor allem zu Beginn der Diagnose, an Depression erkrankt zu sein. Nach außen hin eint noch ein weiterer Aspekt die Depressiven. Man scheut das Licht der Öffentlichkeit. Ausnahmen wie ich, die dieses Schlaglicht nicht scheuen, bestätigen diese Regel. Die Depressiven bleiben unter sich, auch wenn es immer wieder Berührungspunkte mit der scheinbar heilen Außenwelt gibt. Fragen zur Gesundheit – „Wie geht es Dir?“ Grundsätzlich handelt es sich bei uns Depris bei dieser Frage nicht um eine Floskel. Üblicherweise bezieht sich diese Frage auch nicht auf Allerweltsgebrechen wie Husten, Schnupfen oder Grippe, sondern konzentriert sich alleine auf Symptome der Depression. Wen interessiert auch die siebten Tage oder eine Woche anhaltende Erkältung vor dem Hintergrund chronischer und lebenslanger Depression? Abschiedsspiele Völlig zu eigen ist den Depressiven die Beeinflussung des Todeszeitpunkts. Da die Mehrheit aller Suizidenten sich aus der Gruppe der Depressiven speist, scheinen viele Depressive andere Mittel der Bekämpfung des Lebensüberdrusses für sich kultiviert zu haben. Mit mal mehr, mal weniger Erfolg trotzen wir der Zeitbombe in uns, die uns dazu bringt, sich mit einem Seil am nächsten Baum aufzuhängen oder von Brücken zu springen. Eigener Humor Aus diesem gemeinsamen Erbe heraus entwickelt sich auch ein ganz eigener Humor. So paradox es klingen mag: untereinander sind Depressive durchaus zu Heiterkeits-Anfällen in der Lage. Allerdings können wir auch für die Depris Hilfe leisten. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Letztlich bin ich froh und stolz darauf, Teil dieser weltumspannenden Gemeinschaft zu sein. Hier bin ich Depressiver, hier darf ich’s sein! Grußbotschaft an die Subkultur Und wie es mir geht? Danke, prima – also den Umständen entsprechend! Heute morgen habe ich meine Medis genommen. Meine AD-Dosis hatte ich ein wenig erhöht; meinen Shrink muß ich hiervon noch informieren. Später gehe ich in die Thera, obwohl ich nicht gerade viel Lust verspüre. Doch nach der Schubphase wäre es vielleicht besser, hinzugehen. Im Moment fühle ich mich innerlich agitiert. Ich hasse diese Mischzustände. Geschlafen habe ich dank des Schläflis recht gut. Zumindest habe ich kein Morgentief. Geht es Dir ähnlich? Wähnst Du Dich auch in der Gemeinschaft der Depressiven? Bilden wir einen Geheimbund, die Bruderschaft der Depressiven?
Comments:
10 Comments posted on "Bilden Depressive eine Subkultur?"
Susanne on December 26th, 2006 at 8:07 pm #
Ich könnte sehr gut darauf verzichten, depressiv zu sein, nur leider, scheint mir das nicht möglich zu sein. Ich sehe Depression als Erkrankung an und nicht als (Sub)-Kultur!
Ulf on December 28th, 2006 at 8:55 am #
Ich würde es vielleicht eher als Solidarität bezeichnen.
Björn on December 28th, 2006 at 1:34 pm #
Ich würde das auch nicht als Subkultur bezeichnen. Der Erfahrungsaustausch erscheint mir bei Erkrankungen wie Depressionen, Borderline usw. sogar sehr wichtig, da die Medikamente eine sehr individuelle Einstellung benötigen. Was bei dem einem hilft, zeigt bei einem anderen keine Wirkung. Sicherlich fällt es depressiven leichter mit gleichgesinnten zu reden, da sie sich dort besser verstanden fühlen. Und ein Austausch von Handhabungen in diversen Lebenslagen ist bei einer Krankheit wie Depressionen sich auch nicht verkehrt.
Judith on January 1st, 2007 at 2:34 pm #
Lieber René! Viele liebe Grüße und bis bald,
Rene Kriest on January 8th, 2007 at 12:28 pm #
Hallo Judith! LG, René
nougiiii on January 12th, 2007 at 8:51 am #
raclette mmmmmmmmhhh
Martin on January 30th, 2007 at 4:43 pm #
Raclette - nö… nicht unbedingt… eher Fondue
Rene Kriest on January 31st, 2007 at 7:56 am #
Burger oder Haferflocken tuns auch.
Die 15 besten Artikel des Januars 2007 » depressionsblog.com on February 1st, 2007 at 7:23 am #
[...] Bilden Depressive eine Subkultur? [...]
angstpalast on February 4th, 2007 at 8:56 pm #
Solidarität, Leidensgemeinschaft, Grabenfreundschaft…. langfristig will ich depressive Zustände aber loswerden, und nicht in Form einer eigenen Sprache kultivieren. Gerade wenn man glaubt, dass man eh nichts hat im Leben (und so gehts mir, wenn ich ganz unten bin), hält man sich ja an jeder Solidarität fest - und vielleicht auch an der Depression, bloß um die Gemeinschaft der Leidenenden nicht zu vergessen. Also, wem’s hilft, ich wär da eher skeptisch. Post a comment
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