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Wie sollte der ideale Therapeut aussehen? Welche Fertigkeiten sollte ein Therapeut besitzen aus Sicht eines depressiven Patienten, um diesen optimal bei seiner Krankheitsgenesung begleiten zu können? Könnte ich mir einen nach Wunsch zusammenstellen, hätte dieser selbst depressive Episoden gehabt. Warum? Nichts bringt einen Arzt oder Psychologen seinem Arbeitsgegenstand näher, als vertiefende Einblicke durch Erfahrung. Diese wiederum kann man nur erhalten, wenn man die Krankheit, mit der man von Berufs wegen arbeitet, einmal selbst durchlebt hat. Umgekehrt wünsche ich niemanden die Krankheit Depression. Aus diesem Grunde spreche ich auch vom idealen Arzt oder Therapeuten. Vielleicht werden irgendwann einmal Medikamente entwickelt, die einen nicht depressiven Menschen in etwa durchleben lassen, was ein Depressiver tagtäglich fühlt und wie er seine Umwelt wahrnimmt. Eigene Erfahrungen ersetzen niemals theoretisches Wissen Um es mit einem Bild zu sagen: wenn mein Boot kentert und ich auf hoher See gerettet werden muß, dann möchte ich von jemandem gerettet werden, der das schon mehrere Male getan hat und nicht von einem wasserscheuen Professor, der wissenschaftliche Abhandlungen über die physiologischen Auswirkungen auf einen Retter beim Sprung ins kalte Wasser geschrieben hat. In genau dieser Lage bedarf es Erfahrung. Die verschiedenen Sichtweisen von Ärzten und Patienten Therapeuten und Ärzte haben eine gänzlich verschiedene Sichtweise auf ihre Patienten. In der Ausbildung werden wichtige Inhalte vermittelt, die aber ihrerseits auf statistische Zuständen beruhen, will heißen: SSRIs verschreibt man, weil es laut klinischer Studien erfolgversprechend bei einer hohen Menge an Probanden sein soll. Nebenwirkungen und Risiken entnimmt man dem Beipackzettel. So wichtig diese Ausbildungsinhalte sind, so fehlt im gleichen Maße ein wichtiger Bestandteil, der aus potentiell wirksamer Medizin und Therapie überzeugende Mittel der Wahl machen. Das, was fehlt ist die persönliche Erfahrung der Verschreibenden mit den Medikamenten. Nicht depressive Außenstehende können sich nicht in Depressive hineinversetzen Als außenstehender nicht Depressiver kann man sich nicht in einen depressiven Menschen hineinversetzen. Beispielsweise hat ein Augenarzt selbst Augen und trägt möglicherweise eine Brille und der Allgemein-Arzt hatte selbst schon die verschiedensten Krankheiten, mit denen er tagtäglich in seiner Praxis konfrontiert wird. Zwar weiß man in etwa, was bei Depressiven im Vergleich zu Nicht-Depressiven falschläuft in den Bereichen Selbstwahrnehmung bis hin zu Gehirnstoffwechselstörungen – wie sich diese Beschreibungen auf dem Papier jedoch tatsächlich anfühlen, weiß kaum ein Arzt oder Therapeut. Mit anderen Worten: Nur der Psychiater oder Psychologe kennt die Krankheit, die er kurieren will, weit überwiegend nur vom Hörensagen. Selbsthilfegruppen sind sehr wichtig Aus diesem Grunde sind Selbsthilfegruppen und die dort gespeicherten Erfahrungen so wichtig. Diese Menschen waren schon dort, wo man möglicherweise steht. Diese Menschen sprechen von ihren persönlichen Erfahrungen insbesondere mit Medikamenten. Sie wissen am besten darüber zu berichten, wie Nebenwirkungen aussehen und wie sich eine Wirkung entfaltet. Wenn doch auch der Arzt in einer Selbsthilfegruppe wäre! Idealerweise würde ein Arzt oder Therapeut um dieses Wissen ebenfalls verfügen. Hohe Zweifel sind jedoch angebracht, daß dem so ist. Aus diesem Grunde empfehle ich sein eigener Arzt oder Therapeut zu werden. Ich lese jeden Tag über meine Krankheit in Büchern, im Internet, in Foren und in Zeitschriften. Dort hole ich mir wichtige Anregungen und Erkenntnisse basierend auf Erfahrungen. Werde Dein eigener Arzt oder Therapeut Mir dies gleichzutun, kann ich Dir nur empfehlen. Erfahrungsgemäß fallen Gespräche bei Psychiatern recht kurz aus. Am besten man bereitet sich hierauf vor, indem man selbst konkrete Therapie-Vorschläge unterbreitet. Hierbei habe ich bislang überwiegend gute Erfahrung gemacht. Beispielsweise wurde mir angetragen Lithium als Mood-Stabilizer zu verwenden. Nach Durchsicht in einem Forum und Diskussion mit Nutzern anderer Mood-Stabilizer bin ich auf Lamotrigin gestoßen. So schlug ich beim nächsten Termin bei meinem Psychiater dieses Mittel statt Lithium vor. Der Psychiater zeigte sich angetan und verschrieb mit Lamotrigin. Mit dieser Entscheidung war ich sehr zufrieden. Meine Empfehlung Als kleines Fazit lautet daher mein Vorschlag an Dich, einfach Dein eigener Arzt oder Therapeut zu werden. Ich versuche immer mehr über Medikation bei Depression zu lesen und Erfahrungsberichte mittels Google und meiner Selbsthilfegruppe zu erschließen und mich dann bei einem Termin mit meinem Psychiater entsprechend über das Präparat zu unterhalten. Vielleicht könnte auch Dir diese Vorgehensweise von Nutzen sein und helfen, Deine Depression zu lindern. Gerne wüßte ich, welche Erfahrungen Du mit Deinem Psychiater oder Therapeuten gemacht hast als auch, wie Du Dich bezüglich Deiner Krankheit informiert hast.
Comments:
6 Comments posted on "Der ideale Arzt oder Therapeut sollte selbst depressiv sein"
Susanne on January 2nd, 2007 at 8:44 am #
Das hoffe ich, wird niemals geschehen! Soll jetzt jeder Arzt alle Krankheiten bekommen, nur damit er sie nachfühlen kann? Das wäre wohl irsinnig. Ich gehe lieber zu einem (scheinbar) gesundem Arzt als zu einem Kranken. Es gibt Ärzte, die ihren Job lieben, die gut ausgebildet sind, die sich weiterbilden und garantiert solche, die nur ihren Job mache, nur Geldverdienen wollen.
Rene Kriest on January 8th, 2007 at 12:26 pm #
Hallo Susanne! Das war nicht ganz ernstgemeint. Allerdings halte ich es für das Verständnis der behandelnden Ärzte von ihren Patienten für erforderlich, daß diese überhaupt wissen, was sie kurieren. Mag auch eine Stoffwechselstörung hinter der Depression stecken, so sagt das nichts über die Folgen im psychischen Empfinden aus. Ich lese immer wieder von profunder Seite (Psychiatern usf.), daß gerade in Deutschland die Krankheit Depression völlig unterschätzt bis beinahe trivialisiert wird. Ich denke, wenn man einmal ein Depressivum im Gegensatz zu einem Antidepressivum entwickelte und das mal dem einen oder anderen freiwilligverabreichte, hülfe das weiter. LG, René
Klaus on January 11th, 2007 at 4:30 pm #
Ein Depressivum, das verordnet wird, gibt es ja bereits, und sogar viele: Arbeitslosigkeit, mobbing, unachtsames Umfeld, Rollenzusachreibungen. Nur wird sich das kein Arzt freiwillig verschreiben lassen. Damit diese Mittel wirken, müsste auch noch ein wenig Schuldgefühl beim Betroffenen vorhanden sein. Das müsst die Rezeptur, die allzu häufig angewandt wird, auch berücksichtigen, heranzüchten. - Bezieht sich auf reaktive Depression. Unser gesamter Lebensstil begünstigt diese Krankheit, die, weil häufig larviert, wirklich unterschätzt wird. Psychiater und Depression: Seelenfinsternis. Die Depression eines Psychiaters. (Broschiert) … der niederländische Psychiater Piet C. Kuiper auf beklemmende Weise eine schwere Depression, die ihn in eine tiefe Lebenskrise stürzte und seine Einweisung in eine Klinik notwendig machte.
Die 15 besten Artikel des Januars 2007 » depressionsblog.com on February 1st, 2007 at 7:35 am #
[...] Der ideale Arzt oder Therapeut sollte selbst depressiv sein [...]
Hannes on February 28th, 2007 at 2:54 pm #
Hallo, erlebte selbst eine Major Depression, die jahrelang anhielt. Nach Abklingen der Symptome durch eine teilweise Substitution (Internetsucht) wollte ich unbedingt Therapeut werden. Ich weiß nicht ob mein Therapeut jemals depressiv war, aber er bewies große Empathie und konnte auch mit Erklärungsmodellen aufwarten. Zwei gebrochene Beine und niemand kann auch nur 100m laufen. So ähnlich ist eine schwere Depression zu sehen.
verletzte Seele on March 15th, 2007 at 6:10 pm #
“Nicht depressive Außenstehende können sich nicht in Depressive hineinversetzen.” Diese Erfahrung mache ich tagtäglich ! Kein Mensch kann mich verstehen wenn ich depressiv bin, werde sogar als Simulant und Faul bezeichnet, was mich noch mehr verletzt. “Als kleines Fazit lautet daher mein Vorschlag an Dich, einfach Dein eigener Arzt oder Therapeut zu werden” Du hast vollkommen recht ! Ich war schon bei einigen Aerzten und Therapeuten und es bringt mich nicht weiter,sondern alles wird noch schlimmer. Für mich und meine verletzte Seele sind Medikamente das allerletzte, ich geh noch mehr kaputt. Post a comment
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