Archive for the ‘Umgang mit Depression’ CategoryNach der Selbstannahme der Diagnose unter Depression erkrankt zu sein steht die Frage, was man seinen Verwandten, Bekannten als auch Freunden an Informationen zukommen läßt über sich und die Krankheit. Gründe sich zu offenbaren und den Nutzen, den man davon hat, wurden in meinen zwei vorangegangenen Postings beleuchtet (Link 1, Link 2). Nunmehr soll in diesem Beitrag auseinandergesetzt werden, welche wichtigen inhaltlichen Dinge an sein engeres Umfeld herangetragen werden sollten, um Verständnis bei Dritten für sich und die Krankheit zu wecken und Vertrauen zu erzeugen. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, daß diese Schritte mit die wichtigsten zur Gesundung bedeuten. Aufklärung über die Krankheit Primär ist die Aufklärungsarbeit darüber, daß man an einer Krankheit leidet. Die Depression ist eine psychische Störung, deren Symptome sich sowohl im psychischen als auch im körperlichen zeitigen. Hierzu gehören Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Angst, Vernachlässigung von Freunden und sich selbst, Gleichgültigkeit, Müdigkeit bis hin zu Selbsttötungsgedanken und starker, scheinbar grundloser Verzweiflung. Man nennt die Depression auch affektive Störung, da gerade die Gefühlswelt auf kaum vergleichbare Weise gewaltig aus den Fugen gerät. Nicht verwechselt werden darf die Krankheit mir äußerlichen Begleiterscheinungen, die häufig als Faulheit etwa ausgelegt werden. Bewältigung der Krankheit durch Medikamente und Psychotherapie Zwei Wege der Therapie der Krankheit haben sich als erfolgsversprechend erwiesen. Zum einen die Einnahme von Medikamenten, sogenannten Psychopharmaka, als auch der psychotherapeutischen Behandlung und hierbei überwiegend der Gesprächstherapie; ergänzende, nicht minder wichtige Formen sind etwa die Bibliotherapie aus dem Selbsthilfebereich, als auch der Besuch von Selbsthilfegruppen, die sich auf dem Erfahrungsaustausch von direkten und mittelbar Betroffenen rekrutieren. Medikamente dienen der Linderung der Symptome der Krankheit als auch der Rückfallprävention. Entscheiden hierbei ist, daß man dieser Medikamente dringend und vor allem über einen sehr langen Zeitraum von teils mehreren Jahren bedarf. Oftmals muß man mehrere Präparate oder auch Präparatkombinationen ausprobieren, denn nicht jedes Medikament wirkt bei jeder Person gleichermaßen. Ausgangspunkt der medikamentösen Behandlung ist die Erkenntnis der Medizin, daß von Depressionen Betroffene ein chemisches Ungleichgewicht gewisser Botenstoffe im Gehirn-Stoffwechsel ausweisen. Korrigiert wird dieser Defekt durch nämliche Medikamente. Angehörige als auch Kranke sollten bedenken, daß auch eine langanhaltende Besserung des Zustandes für die Wirksamkeit der Medikamente spricht. Mit anderen Worten: sie müssen weitergenommen werden, und dürfen gerade nicht abgesetzt werden. Die Depression ist nicht mit Kopfschmerzen zu vergleichen. Lassen diese nach, muß man auch keine Medikamente mehr nehmen. Weit eher ist die Krankheit mit der Zuckerkrankheit zu vergleichen. Ohne tägliche Einnahme ist ein Rückfall und damit eine rapide Verschlechterung des Zustandes zu erwarten. Die Psychotherapie soll schließlich helfen, dem Erkrankten den Umgang mit seiner Krankheit auf mentaler Ebene zu ermöglichen. Der Erkrankte lernt Techniken und Methoden, wieder aktiv am Leben teilzunehmen, daß ihm meist bis dato nicht mehr möglich war. Geduld, Ausdauer Größte Tugenden sind Geduld und Ausdauer bei der Bewältigung der Krankheit. Angesichts des zeitlich kaum eingrenzbaren Verlaufs der Krankheit, kann es immer wieder zu kleineren und größeren Rückschlägen für die betroffene Person kommen. Wichtig ist die Vermittlung des Verständnisses dafür, daß der Gesundungsprozeß Jahre dauern kann. Mit einmaliger Einnahme und kurzweiliger Verbesserung des Befindens ist es nicht getan. Einsicht in die Gedanken- und Gefühlswelt Einblick in die eigene Denkweise und den emotionalen Haushalt zu verschaffen tut not, um Dritten vermitteln zu können, wie es um einen selbst bestellt ist. Gedanken und Sichtweisen, wie etwa starke Selbstzweifel, Gefühle der Verzweiflung, sollten nicht unterdrückt werden. Weit eher sollte man sich anvertrauen und Gedanken austauschen. Häufig ist Unverständnis die erste Reaktion. Hiervon sollte man sich nicht entmutigen lassen, sondern Ausdauer zeigen. Erst wenn man diese Schwelle überschritten hat, fängt der Nutzen des Gesprächs an. Grade der Depression Von der Depression und den Einschränkungen selbiger Krankheit ist jeder in unterschiedlichem Maße beeinträchtigt. Im Falle der schweren Depression etwa, sollte man nicht zögern davon zu berichten, Selbsttötungsabsichten zu hegen. Nichts ist fataler, als sich gegenüber dem Umfeld auszuschweigen. Hilfe und Mitgefühl wird einem in dem Maße zuteil, wie man sich selbst offenbart. Gerade weil auch die Depression schubweise erfolgt, sollte man erläutern, daß es einem auch gelegentlich gut gehen kann. Analogien Die Depression ist eine langwierige Krankheit, deren Gestalt sich ändern kann. Vergleichbar ist sie mit der Dauerbetroffenheit eines Zuckerkranken, der sich täglich Insulin spritzen muß. Weiter kann die Krankheit auch mit einer Migräne verglichen werden. Die Kopfschmerzen kommen und gehen, wie sie wollen, und Dauern mal länger mal kürzer, ohne daß man dies voraussagen kann. Ähnlich ist es mit der Depression. Das Gefühlsleben unterliegt starken Schwankungen, die sich in Tages- als auch Wochenschwankungen ausprägen. Teils kann es einem von einer Minute auf die andere schlechtgehen. Hiervor ist niemand gefeit. Verzerrte Wahrnehmung Vielen Depressiven fällt es schwer, einfache Tagesverrichtungen zu leisten. Soziale Kontakte werden vernachlässigt. Dahinter steckt die Krankheit, nicht aber die bewußte Preisgabe einer Freundschaft. Depressiven fällt es schwer, Kontakte zu halten. Erleichterung und Abhilfe kann das Zugehen auf Depressive ohne Druck erleichtern. Offen mit seiner depressiven Erkrankung umzugehen im Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis hat Vorteile. Neun davon möchte ich in diesem Artikel beleuchten. Selbstverständlich bietet die Offenheit keine Garantie auf Verständnis und Rücksichtnahme besagten Adressatenkreises, jedoch die Möglichkeit und Chance hierauf. Ohne Offenheit wird man sie nie erhalten. Sie ist also der erste notwendige Schritt dorthin. Weiß die Umwelt, die meist aus Freunden und Verwandten besteht, von der Krankheit und vor allem deren Folgen, erscheint so manches Verhalten in einem ganz anderen Licht, üblicherweise zum Vorteil des Kranken. Ausreden, weshalb man nicht mehr so gerne unter Leute geht oder den ganzen Tag müde ist, braucht man nicht mehr zu bemühen, sondern kann sie sachlich begründen. 2. Vertrauen wird gegeben, Vertrauen wird einem entgegengebracht Wer Vertrauen gibt, indem er andere in sein Geheimnis einweiht, wird für diesen Vertrauensbeweis nahezu immer belohnt. Belohung kann in diesem Falle aus Verständnis bestehen oder auch weiterführenden Informationen. Halbwegs selbstbewußt ausgesprochen, kann diese Mitteilung dazu führen, daß auch andere über ihre Erfahrungen mit depressiven Freunden und Bekannten berichten. Erfahrungsaustausch ist die Folge. Oftmals schildern die Involvierten auch von anderen, vergleichbaren chronischen Krankheiten und deren Bewältigung, was ebenfalls einen fruchtbaren Erfahrungsaustausch bedeutet. 3. Ausreden sind nicht mehr nötig Wie häufig schon bemühte man Ausreden, also schlicht Lügen, um Termin-Absagen wie kurzfristig auch immer, begründen zu können? Überlicherweise gehen mit der Depression nicht weniger unangenehme Begleiterscheinungen einher wie Angstörungen, Panikattacken und vor allem Sozialphobie. Es macht einen Unterschied, ob man sich grundsätzlich nicht mehr mit Freunden außerhalb treffen möchte wegen der Sozialphobie etwa, oder ob man diese besser nur noch zu Hause empfangen möchte. Den Unterschied versteht nur, wer um die Krankheit weiß. 4. Gefühl der Erleichterung Geheimnisse im allgemeinen und das fortschreitende Versteckspiel mit Widersprüchen belasten einen obendrein. Schuldgefühle sind zumeist die Folge. Im Falle der Depression eine weitere Beschleunigung der Abwärtsspirale. Auf das offene Bekenntnis zur Krankheit folgt die Einsicht, daß alleine das Aussprechen schon für Erleichterung sorgt. Dies ist auch wichtig für den eigenen Therapieerfolg. 5. Mut und Offenheit werden signalisiert Wie wirken öffentliche Kampagnen und Engagements Prominenter auf die Umwelt? Auf mich wirken etwa Schauspieler, die von einer Krankheit betroffen sind, niemals peinlich, sondern mutig und anerkennenswert. Dem Beispiel nacheifern und folgen kann man auf einfache Weise, indem man sich ebenfalls offenbart. Die Umwelt reagiert, zwar häufig unausgesprochen, aber dennoch mit Anerkennung. Das eigene Selbstvertrauen wird gestärkt. 6. Anreiz für Betroffene, sich ebenfalls zu öffnen Letztlich kann die Beichte auch dazu führen, daß sich einem andere, von denen man ebenfalls nicht erwartet hätte, daß sie depressiv seien, einem offenbaren. Und wer hätte nicht gerne eine Person zum Austausch? 7. Möglicher Erfahrungsaustausch Wenn Betroffene, direkt oder auch mittelbar, ihre Eindrücke mitteilen, entsteht ein Erfahrungsaustausch. Von diesen kann man nur profitieren. Irgendein Tip fällt immer ab. Häufig ist Depressiven zueigen, daß sie denken, ihr Zustand sei einzigartig. Dem ist aber nicht so. Viele der an sich selbst festgestellten Symptome besitzen auch andere Depressive. Vom Umgang mit Depression auf der Arbeit oder in der Familie kann man nie genug erfahren. 8. Verbesserte Selbstakzeptanz Irgendwann blickt man selbst nicht mehr durch, wenn man sich im Geflecht von Ausreden und Selbstverleugnung verheddert. Wer sich selbst so annimmt, wie er ist, nämlich an Depression erkrankt zu sein, stärkt das Vertrauen in sich. 9. Neue Chancen ergeben sich Wer um die Einschränkungen infolge der Krankheit weiß, kann beginnen, gegen die Einbußen vorzugehen, soweit das möglich ist, und kann vor allem auch seine Schwächen anzunehmen lernen. Illusionen hängt man üblicherweise nicht mehr an, wenn man sich im klaren ist, was depressiv zu sein bedeutet. Alte Informationen tauchen plötzlich in einem ganz anderen Zusammenhang auf durch den Perspektivenwechsel. Möglicherweise kann man bestimmte Hilfsprogramme in Anspruch nehmen oder an neuen Therapien teilnehmen. Üblicherweise resultieren diese Chancen aus dem Erfahrungsaustausch mit anderen. Kennt ihr noch weitere gute Gründe, die für den offenen Umgang sprechen? An Kommentaren von euch hierzu bin ich sehr interessiert. Wie kann man sein Wohlbefinden trotz schwerer Depression schlagartig ändern? Wie kann man mit einfachen Schritten dafür sorgen, daß es einem bessergeht? Viele Betroffene haben sich diese Frage gestellt und stellen sie sich mitunter tagtäglich – ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Häufig führt der immerwährende Gedanke nach Besserung der eigenen Lage paradoxerweise zu einer Verschlechterung der Gemütslage, weil man die Baustellen seines Lebens entdeckt und nicht weiß, wie man mit ihnen umgehen soll. Eine ganz einfache und sofort umsetzbare Möglichkeit, sich mentaler Erleichterung im Umgang mit der Krankheit zu schaffen, will ich einschließlich der daraus erwachsenden Vorteile und Möglichkeiten im folgenden vorstellen. Sie lautet: Offenheit. Die mißliche Lage Jeder Mensch steht im Verhältnis zu anderen Menschen. Depressiven ist eigen, daß viele sich über ihr Leiden, das als Schicksal wahrgenommen wird, ausschweigen. Rückzug ist die Folge. Begleiterscheinungen sind der Verlust von Freunden, Distanz zu Bekannten bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes. Innerlich verarmt man, viel zu häufig kreisen die Gedanken nur um ein Thema, das sich bis hin zu Selbsttötungs-Gedanken verdichten kann. Einher geht diese Eigenheit mit Angst, Traurigkeit und Mattigkeit, ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Nicht-Verstanden-Werdens. Die Zweifel besiegen Und dennoch: nach außen hin will man funktionieren, sofern man noch nicht völlig resigniert hat, will unter größter Anstrengung die Fassade wahren, sich nichts anmerken lassen – so jedenfalls war es bei mir. Zur erheblichen Verschlechterung trug bei, daß gerade diese Fassade immer häufiger zu bröckeln begann, alte Risse sich vergrößerten und neue hinzutraten. Mein Bemühen, den Schein zu wahren, nahm zu. Hierzu bediente ich mich der ältesten Strategie der Menschheit: der Lüge. Ausreden mußten als letzte Instanz der Ich-Wahrung herhalten, weshalb ich in letzter Sekunde einen Termin absagte, auf der Arbeit fehlte, Freunden gegenüber übelgelaunt war und auf Tauchstation ging, und immer öfter unpünktlich war. Der mögliche Ausweg und die mögliche Bremse Gegenbild hierzu war, offen mit meiner Krankheit umzugehen. Statt mein Lügengebäude aufrechtzuerhalten, statt mich noch schlechter zu fühlen, wenn es mir ohnehin schon schlecht ging, könnte ich auch einfach offen zu meiner Mitwelt sein. Soweit die Theorie. Der Umsetzung standen viele Ängste und Befürchtungen entgegen. Typischerweise verstecken sich Sorgen und Ängste in „aber wenn“-Phrasen: aber was passiert, wenn die Umwelt nicht so reagiert, wie ich das gerne hätte; wenn man mich deswegen meidet; wenn, ja wenn? Das Erstaunen Wie kann man „aber wenn“-Phrasen besiegen? Indem man sie überprüft. Langsam tastete ich mich vor. Zuerst band ich meine Eltern ein, dann die Geschwister, es folgten erste sehr gute Freunde, Verwandte usf. Das verblüffende Ergebnis: eine Woge der Empathie und des Mitgefühls umgab mich. Verständnis, Wohlwollen und Sorge wurden mir entgegengebracht wo vorher Unverständnis, Ablehnung und Gleichgültigkeit mehr und mehr dominierten. Das Wie Selbstverständlich mußte ich Aufklärung im Detail betreiben, über meine Krankheit berichten, und auch darüber, wie man am besten mit mir umzugehen hätte, eben um Verständnis werben. Kaum jemand lehnte mein Geständnis ab; kaum jemand reagierte abfällig. Jene, die es dennoch taten, ein oder zwei von vielen an der Zahl, habe ich nach einer Aussprache gestrichen. Was mir meine Offenheit gebracht hat? In erster Linie brachte sie mir viele positive Eindrücke. Kaum, daß ich mich zu meiner Krankheit bekannt hatte, folgten auch andere diesem Beispiel oder wußten ihrerseits von ihrem Verhältnis zu Depressiven zu berichten. Hierdurch wurde mein Erfahrungsschatz durch den regen Austausch mit anderen enorm vergrößert. Mit anderen Worten: ich gab ein wenig Offenheit und erhielt sehr viel im Gegenzug an Erfahrungen, die mir sehr halfen, mich mit meiner neuen Lage anzufinden und sie zu festigen. Die weitere Voraussetzung der Offenheit Offenheit setzt Selbstakzeptanz voraus, was wiederum bedeutet, daß man sich als Depressiver annimmt. Zuerst mag man dies als Nachteil, gar als Stigma ansehen. Vertieft man jedoch den Gedanke, eröffnen sich einem viele neue Möglichkeiten. Kaum daß ich für mich angenommen hatte unter Depression zu leiden und krank zu sein, dachte ich daran, welchen Nutzen ich hieraus für mich und andere ziehen könnte. Soziales Engagement in einer Selbsthilfegruppe, Behinderten-Hilfe – plötzlich sah ich nicht nur schwarz, sondern es taten sich viele weiße Flecken auf. Weit mehr, als ich mir je zu träumen gewagt hatte. Die Erleichterung und das Glück Das Beste jedoch war, daß ich im sozialen Umfeld die Bindungen steigern konnte. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist besser als je zuvor, meine Freunde bringen mir viel Entgegenkommen bei, einfach aus dem Grund, daß sie um mich und meine Lage wissen. Auch ihnen fiel es nicht leicht, den undankbaren Befund anzunehmen. Doch nicht nur ich sah mich in einem neuen Licht, sondern auch sie umgekehrt mich. Ausreden bedarf ich keiner mehr, im Gegenteil. Geht es mir nicht gut, wird mir Hilfe angetragen. Früher verprellte ich meine Umwelt, wenn ich aus – nach alter Sicht der Freunde – wegen fadenscheinigen Begründungen ein Treffen ausfallen ließ, oder scheinbar unzuverlässig war. Wer seinem Geiste Entlastung bringen möchte, der sollte sich seiner Umwelt offenbaren. Habt ihr Erfahrungen im Umgang mit Depressiven oder deren Angehörigen gemacht? Wie fielen diese aus? Über Kommentare hierzu würde ich mich freuen. |