Archive for the ‘Umgang mit Depression’ Category

Grenzüberschreitung – Der Depressive ist Wandler zwischen den Welten

Der Depressive müht sich nach Kräften, nach außen hin halbwegs lebensfähig zu bleiben, während es in seinem Innern brodelt. Die Kluft zwischen dem Innenleben, den Gefühlen und den Empfindungen, und dem Außenleben, das Wahren der Fassade, der Anpassungsdruck, klafft immer weiter auseinander, bis irgendwann der Spagat nicht mehr funktioniert – man ist heillos überfordert.

Freude? Ist mir nicht möglich

Ich etwa habe jahrelang mein Umfeld beobachtet und versucht, bei Freudenäußerungen diese erst zu verstehen und dann zu imitieren. Mir selbst war von innen kommende Freude völlig fremd. Ich verstand einfach nicht, weshalb man sich bei Liedern etwa zu Jubelstürmen hinreißen läßt oder Tanzen als Leidenschaft empfindet. Auch heute noch habe ich massiv unter dieser Gefühlesarmut, emotionaler Öde zu leiden.

„Man muß einfach nur X oder Y tun!“

Völlig fehl gehen daher Aufforderungen aus der Welt der Nicht-Depressiven, einfach mal zu lächeln oder zu lachen. Diese beiden Ansinnen sind mit die größten Demotivatoren („Abturner“) die Depressive alltäglich erfahren. Gerade weil man dieser Aufforderung nicht nachkommen kann, es so gerne aber mal tun würde, fühlt man sich hierdurch gekränkt. Um es in einem Bild zu sagen: zu einem Einbeinigen zu sagen, geh doch mal ein paar km joggen (Paralympics-Kandidaten außen vor gelassen), würde als Beleidigung wahrgenommen und Empörung heraufbeschwören.

Depressive jedoch mit ähnlicher Unbotmäßigkeit zu konfrontieren scheint den Personen, die solche Aussagen tätigen, nicht bewußt zu sein. Mag dies auch daran liegen, daß Depression eine abstrakte Krankheit ist, da keine offene Wunde am Körper zu sehen ist, so sollte man um so mehr auf Mitteilungen und Anregungen der Erkrankten eingehen.

Depressive haben Humor – lachen gleichwohl kaum

Nicht-Depressive sollten die Tatsache einsehen, daß Depressive grundsätzlich nicht lachen. Andererseits bedeutet dies nicht, daß sie hierzu nicht fähig oder dessen nicht willens wären. Es ist die Krankheit, nicht der Mensch. Vielleicht entsinnt sich der eine oder andere noch der Serie „Timm Thaler“,1 die in den 80ern im Fernsehen lief. Dort verkaufte ein Junge sein Lachen gegen eine Wunderformel. Ähnlich des Lachens beraubt fühle ich mich auch.

Und wenn er dennoch lacht?

Lacht ein Depressiver einmal oder hat er einen guten Tag wird oftmals seitens der Nicht-Depressiven angenommen, daß der Depressive wieder gesund sei, oder doch schon einen großen Heilungsschritt nach vorne getätigt habe. Dem ist aber nicht so.

Heilung ist vom jetzigen Standpunkt aus nicht möglich. Allenfalls Linderung ist machbar. Aus diesem Grunde sollte man sich auch damit abfinden, daß ein Depressiver sein Leben lang mit dieser Krankheit leben muß. Menschen, die seit Jahren auch ohne Medikamente keinen Schub mehr hatten, bilden keine Ausnahme. Sie bleiben sehr anfällig für Rückfälle. Heilung bedeutete aber rückfallos zu gesunden. Deshalb ist Vorsicht geboten. Man sollte stets auf der Hut sein und sein Leben entsprechenden Tips von Depressiven und ärztlicher Seite ausrichten („Prophylaxe“).

Was wirklich lindert

Gelindert wird die Krankheit wiederum durch Zuhilfenahme jedweder Therapie-Möglichkeiten, am besten kombiniert. Den Vorzug erhält aus meiner Sicht die pharmakologische Therapie, also die Einnahme von Medikamenten wie etwa Psychopharmaka (Antidepressiva, Mood-Stabilizer und auch Bezodiazepine). Ich bin von deren Wirkung und wohltuender Kraft überzeugt.

Insbesondere als jemand, der an einer bipolaren Störung erkrankt ist, dessen depressive Phase ferner schwer ausgeprägt ist mit dem Vollprogramm bis hin zur massiven Suizidgedanken und ergänzend unter Sozialphobie als auch Angst- und Panikstörungen leidet, empfehle ich Medikamente dringend an. Ohne diese würde ich jetzt nicht hier sitzen und schreiben.

(Kurzer Einschub: Vor knapp einer Stunde fing ich mir eine Manie mitsamt einer Panikattacke ein. In dieser akuten Schubphase hätte es übel enden können, wenn ich nicht zu Temesta (Bezodiazepine) gegriffen hätte. Jetzt schreibe ich mit einem etwas flauen Gefühl weiter.)

Anmerkungen/Fußnoten

  1. ↑1 Danke, liebe Andrea für den Hinweis, daß es sich um Timm Thaler und nicht wie zuerst fälschlich angegeben, um Patrick Packard gehandelt hatte! :)


Nicht-Depressive werden sich niemals in Depressive hineinversetzen können

Unumstößlich steht für mich fest, daß ein Nicht-Depressiver niemals verstehen wird, was sich in einem Depressiven abspielt, wie er denkt, fühlt und seine Umwelt wahrnimmt. Niemand, der nicht selbst einmal eine depressive Episode hatte, wird verstehendes Wissen über die Krankheit erlangen und mitempfinden können, was sich in einem Betroffenen abspielt.

Sämtliche Schilderungen über die Krankheit rufen regelmäßig nur Erstaunen bis Unverständnis hervor. Ein Buch mit sieben Sigeln tut sich da vor einem Nicht-Depressiven auf, der plötzlich mit der tückischsten aller Krankheiten konfrontiert wird, weil etwa das Kind, der Gatte oder die Tochter an einer Depression erkrankt ist.

Verweigerung der Einsicht, erkrankt zu sein an Depression

Ebenso, wie die Erkrankten selbst, verweigert sich auch das Gros der Angehörigen der Einsicht, was es heißt, an Depression erkrankt zu sein. Zu abstrakt ist diese Krankheit und auch noch überwiegend mit Tabus belegt. Übliche Vorurteile reichen von „Der hat einen an der Klatsche!“ bis hin zu „Der tut nur so.“

Gleichwohl sollten mittelbar Betroffenen versuchen, sich in das Leid der Depressiven hineinzuversetzen. Denn das innere Leid, daß ein Depressiver durchmacht, ist wahrlich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Möglichkeiten, sich in die Welt der Depressiven zu versetzen, habe ich in meinem Blog bereits veröffentlicht.

Depressive sind Mittler zwischen zwei Welten

Um es mit einem Bild zu sagen: Depressive sind Mittler zwischen zwei Welten, einem Paralleluniversum, von dem Nicht-Depressive allenfalls aus Sagen und phantastischen Geschichten wissen. Ein schrecklicher Ort soll es sein. Wir waren und sind dort.

Von der Unmöglichkeit, einem geregelten Tagesablauf folgen zu können

Ich möchte ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Mir war und ist es teils völlig unmöglich einem geregelten Tagesablauf zu folgen. Ungleich schwieriger wird es mit der Bewältigung von sieben aufeinander folgenden Tagesabläufen, also einer Woche. Was andere sich als Pensum für einen Tag vornehmen, kann ich allenfalls verteilt über eine Woche leisten.

Keinen geregelten Tagesablauf? Schwierigkeiten selbst bei banalen Aufgaben und Erledigungen des Alltags? Ich gebe gerne zu, daß ich mir vor fünfzehn Jahren, zur Zeit meiner Pubertätswirren, als meine Depression noch nicht schwer ausgeprägt war, hatte selbst nicht vorstellen können, daß so etwas möglich sein könne und obendrein auch noch mich treffen würde. Bis dahin hielt ich mich – eben typisch für Depressive – für einen etwas zu faul geratenen Schlamper, der zu wenig aus seinen Möglichkeiten macht.

Die Depression schleicht sich in das Tagesgeschehen ein

Wie bereits angedeutet und durch eigene Erfahrungen belegt, mag ein Grund, weshalb insbesondere Eltern selten Verständnis zu Anfang der Diagnose Depression bei ihren Kindern aufbringen, in dem schleichenden Prozeß der Krankheit selbst liegen.

Zu eigen ist der Depression, daß sie sich langsam in den Alltag der Betroffenen einnisten, festsetzt und ihr destruktives Tagwerk verrichtet. Die an Depression Erkrankten stoßen immer wieder auf enger gesetzte Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten und versuchen diese nach außen hin zu überspielen. Spätestens wenn diese Kompensationsversuche an ihre Grenzen stoßen, und der Alltag kaum noch zu bewältigen ist, bricht sich Verzweiflung Bann.

Depression? Sozialphobie, Angststörungen usf. bekommt man gratis hinzu

Damit ist es aber nicht getan, im Gegenteil. Beispiele bilden die die Depression häufig begleitende Sozialphobie. Anfangs fühlt man sich unwohl unter vielen Menschen, doch zieht man gerade bei Gruppenaktivitäten entgegen seinem Empfinden lieber mit, als sich der Gruppe auszuschließen. Man selbst fühlt sich unnormal, denkt aber, daß es an der eigenen Einstellung hapere. Angststörungen oder auch Panikattacken sind ebenfalls Begleiterscheinungen der Depression.

Die Eltern sehen nur die Oberfläche des Kindes

Die Eltern und Bekannte bekommen von solchen Entwicklungen, die langsam, aber stetig voranschleichen, in der Regel nichts mit. Sie gewöhnen sich ihrerseits an die schrittweise erfolgenden Verhaltensänderungen der noch unerkannt, das heißt, nichtdiagnostizierten Depressiven. Gelegentlich schlägt die Krankheit stark durch, daß man sich krank fühlt und lieber zu Hause bleibt. Auf Außenstehende wirkt man dagegen faul und träge – ein fataler Teufelskreislauf hat sich geschlossen.



Hand aufs Herz: viele Depressive tun sich schwer, mit der Diagnose Depression umzugehen und für sich diesen Befund zu akzeptieren. Hilfreich ist hierbei ein verständnisvolles Umfeld, das den Depressiven auf seinem Weg zur Seite steht.

Erforderlich ist, daß Angehörige des Depressiven ebenfalls mit der Krankheit umzugehen wissen, weil hiervon alle Betroffenen enorm profitieren.

Zum Verständnis der Depression bedarf es anfangs weniger vertiefender Einsicht der Angehörigen von der Krankheit, als mehr einer Verhaltensänderung gegenüber dem Depressiven: einfache Schritte, die das Leben eines Depressiven stark verbessern – ob Nicht-Depressive verstehen, was es damit auf sich hat, oder nicht.

Warum ist das so?

Strenggenommen kann kein Nichtdepressiver nachempfinden, was in einem Depressiven vorgeht, wie er die Umwelt wahrnimmt und darauf reagiert. Wesentlich wichtiger ist daher, gewisse Grundregeln einzuhalten.

Was meinen diese Grundregeln?

Depressive haben immer wieder über ihre hilfreichen Erfahrungen mit ihren Angehörigen berichtet. Gewisse Tips und Hinweise tauchten immer wieder auf. Als Schnittmenge ergeben sie besagte Grundregeln.

Mit der Krankheit ändert sich vieles, und gerade in der Verhaltensänderung der Angehörigen gegenüber dem Depressiven liegt ein Sofortbeitrag und erster Schritt zu Linderung der Krankheit.

Wie diese Schritte aussehen und wie mit deren Anwendung das Beziehung zwischen Angehörigen und einem Depressiven gefördert wird, gehe ich in dieser Serie nach, die ab morgen hier eingestellt wird. :)



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