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Depression sei heilbar wird landauf, landab verkündet. Voller Hoffnung begibt man sich zum Arzt, der meist ein Psychiater ist, und sieht der Besserung seiner Lage entgegen.

Daß an dieser Stelle große Erwartungen zerrinnen und in ernste Enttäuschung umschlagen können, liegt auf der Hand. Im folgenden findet sich eine Zusammenstellung der aus meiner Sicht größten Enttäuschungen, die sich im Umgang mit Ärzten für Depressive ereignen können.

Nicht erstgenommen werden vom Arzt

Vor allem Kliniker trifft diese Feststellung: man wird seitens des behandelnden Arztes nicht ernstgenommen. Vorbehalte und Nachfragen werden teils schnippisch, falls überhaupt, beantwortet, von Kooperation keine Spur.

Vorwertung und selektive Wahrnehmung des Arztes

Immer wieder erlebt habe ich, daß jeder Arzt trotz jahrelanger Ausbildung an der Uni und Zusatzqualifikation im Rahmen der fachärztlichen Weiterbildung sein Gegenüber nur nach seinen persönlichen Vorurteilen hin abklopft. Vorschnell wird man in eine Ecke gedrückt, aus der es nahezu nie ein Zurück gibt. Unterschwellige Annahmen des Arztes teilt dieser selbstverständlich nicht so gerne mit.

Unfreundliche Behandlung und Patienten-Mobbing

Beginnend im Vorzimmer, setzt sich diese extreme Miesepetrigkeit im Behandlungszimmer fort. Der Patient als Feind; was kein Geld bringt, wird abfällig behandelt. Was der Arzt als Kostenfaktor betrachtet, nämlich daß er zu wenig Einnahme für einen Patienten pro Quartal erzielt, nenne ich Patienten-Mobbing. Alles andere ist eine Mogelpackung.

Behandlung von oben herab

Autoritäres Auftreten gewahrte ich insbesondere auch bei Klinikern. Depressive werden wie kleine Kinder behandelt, deren Malaise nicht als klinische Herausforderung betrachtet wird, sondern vielmehr als persönlicher Vorwurf und damit intellektuelle Diskrepanz. Herrisch abgebügelt wird der Patient vor allem bei Nachfragen. „Ich bin der Arzt und sie tun, was ich ihnen sage.“ sind Sätze, über welche man zwar nicht lachen kann, aber dennoch sollte und auf der Stelle die Behandlung einem raschen Ende zuführen muß.

Arschlöcher in Weiß braucht niemand, denn für alles gibt es eine Erklärung und wer diese verweigert, sollte sich ernsthaft fragen, ob er sich selbst in Therapie begeben sollte. (Depression als Dunkelziffer unter Ärzten ist Schätzungen zufolge hoch. Wie ein befreundeter Arzt mitteilte, ist auch die Rate der Alkoholiker unter den Ärzten im Vergleich zu anderen Berufsgruppen extrem hoch.)

Kommunikationsdefizite

Man muß vorsichtig sein in der Wahl der Worte, denn dieser Befund trifft vielmehr das Mark der Therapie:

  • Fehlende Erklärungen und Erläuterungen zur Krankheit, Diagnose und Therapie
  • Keine Darlegung des Sinns einer Maßnahme
  • Verordnungen ohne Rücksprache mit dem Patienten
  • Rückfragen werden nicht beantwortet bzw. rüde und unfreundlich zurückgewiesen als auch ignoriert

Nicht selten saß ich mit einem Arzt zusammen und fragte mich, ob es Wikipedia und Google nicht auch getan hätten und zwar wesentlich besser.

Reinen Wein bekommt man selten von einem Arzt eingeschenkt. Ob dahinter Arroganz oder schlicht das Eingeständnis des Unvermögens einer sachgerechten Therapie steht, kann offenbleiben, denn es ändert nichts an dem Umstand, daß man selbst auf mehrfaches Nachfragen hin kaum bis nie eine Antwort auf seine Fragen erhält, die auch den Namen Antwort verdienen als freundliche und das Interesse des Fragestellers spiegelnde Auskunft für den Betroffenen.

Mangelnde Sorgfalt

Sehr skurril mutet an, daß nahezu keine Evaluation des Wohl und Befindens eines Patienten stattfindet. Allenfalls beim ersten Termin wird etwas gründlicher nachgehakt. Eine dereinst getroffene Diagnose wird jedoch nicht als dynamischer Prozeß betrachtet, der veränderlich ist, sondern vielmehr als ein in Stein gemeißeltes Faktum angesehen und folglich fortan nicht mehr hinterfragt, obgleich Ziel jeder Therapie wenn nicht die Heilung, so doch die Linderung der Symptomatik einer Krankheit sei.

Änderungen des Krankheitsbildes wie etwa eine Neudiagnose, Verbesserung oder Verschlimmerung, werden selten bis nie entdeckt. Trauriger Höhepunkt markiert die Verfahrensweise vieler Ärzte für den Fall, daß der schutzbefohlene Patient auf Nachbesserung insistiert. Nachlesen, was in solchen Fällen sich ereignet, kann man unter oben skizzierten Punkten.

Teils über viele Jahre befindet man sich in Behandlung, und das einzige, was sich ändert, ist die Laune des Arztes respektive der Ärztin, die – im Wortsinne – je nach Kassenlage ihre Laune dem Patienten gegenüber anpaßt.

Schlechte Vorbilder

Bonuspunkt der Sammlung großer Enttäuschungen im Umgang mit Ärzten ist der vielbeobachtete Aspekt, daß gerade Leute mit Facharzt-Qualifikation ihre eigene Medizin nicht zu schlucken scheinen. Reaktion und Verhalten der Ärzte läßt den Schluß zu, daß sie wahrlich alles andere als souverän im Umgang mit Problemen sind. Optimistisch in die Zukunft blickt kaum einer. In solch einer Atmosphäre soll dem Depressiven also die Weisheit der medizinischen Zunft vermittelt werden – wers glaubt…

Fazit

Ärzte sind zuvörderst auch nur Menschen wie Du und ich. Man tut gut daran, sie zu desmystifizieren. Unter der weißen Robe steckt oftmals ein nicht minder sorgengeplagter Mensch wie Du und ich.

Enttäuschungen lassen sich vermeiden, wenn therapiesuchende Depressive auf selbige vorbereitet sind und wissen, was schiefgehen kann.



May
15
Filed Under (Umgang mit Depression) by Rene Kriest on 15-05-2007

Einer der größten Depressions-Forscher der Gegenwart, David Burns, bezeichnete die Depression als die tückischste Krankheit der Menschheit. Tückisch an ihr ist vor allem der schleichende Prozeß, mit welcher sich die Krankheit der Betroffenen bemächtigt. Zumeist erst nach Jahren der Pein und des vielfach unermeßlichen Leidens wird man diagnostiziert und die Behandlung kann beginnen.

Die Tücken der Depression

Tückisch an der Krankheit ist ferner ihre Unsichtbarkeit. Nichts an ihr trägt offen ein Symptom zutage, woran man die Krankheit erkennen könnte. Eine Platzwunde am Kopf, ein blutender Finger sind sichtbare Zeichen einer Verletzung. Für die Depression gilt dies nicht. Seelische Verletzung, ob von außen kommend oder sich selbst zugefügt, erkennt nur der Betroffene selbst.

Tückisch ist ferner an der Depression in all ihren Schattierungen, daß sie die Wahrnehmung des Betroffenen mitbeeinflußt. Es ist nicht so, daß man hilflos zusieht, wie man selbst mehr und mehr unter der Krankheit leidet, wie es bei körperlichen Lähmungen der Fall ist, sondern der Geist ist Teil des Teufelskreislaufes, bis man irgendwann zu kaum einer Verrichtung mehr in der Lage ist, geistig wie körperlich.

Anhand dieses persönlichen Super-GAUs, der mit dem persönlichen Niedergang im sozialen wie auch finanziellen Bereich gleichzusetzen ist, materialisieren sich sichtbar die Wunden, die die Seele gezeichnet haben.

Freunde und Verwandte

Tückisch ist die Krankheit auch für Freunde und Verwandte. Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit wird in der Regel fälschlicherweise mit Faulheit und Trägheit gleichgesetzt. Jemanden als faul abzustempeln ist auch einfacher, als nach Ursachen zu forschen, ohne hierbei einen Vorwurf mitschwingen zu lassen. Menschen sind so, auch wenn das So-Sein dies für Depressive nicht einfacher macht.

Hoffnung und Zuversicht

Einzige Kehrseite der Depression ist Hoffnung. Gegenüber der Depression ist Hoffnung und Zuversicht das Gegenteil, der Antagonist. Betrachtet man die Depression als Pendel, so schlägt dieser mit Zunahme der Krankheit in Richtung Verschlimmerung der Symptome aus. Auf der anderen Seite liegt die Hoffnung. Doch kann der Pendel diesen Bereich durch eigene Willensanstrengung nur bedingt erreichen.

Wer so schwer depressiv ist, daß er die Lust am Leben verloren hat und einzig im Suizid eine Möglichkeit zur Beseitigung seines inneren Leidens sieht, dem kann man nur mit Hoffnung und Zuversicht begegnen nämlich darauf, daß es nur noch bergauf gehen kann und wird.

Die wahre Kunst und der einzige Ausgangspunkt zur Symptom-Linderung der Depression ist die Vermittlung von Hoffnung. Ohne diese Zuversicht, die die noch vorhandenen Lebenskräfte zu mobilisieren in der Lage ist, ergibt man sich endgültig der tückischsten Krankheit der Menschheit.

Weshalb und auf was kann man hoffen? Zynisch formuliert kann man behaupten, daß es gemessen am Status quo eines Depressiven nicht mehr schlimmer kommen kann, daß also nahezu jede therapeutische Maßnahme als Besserung gedeutet werden kann.

Die Sinnfrage

Hoffnung ist eng verwandt mit der Sinnfrage. Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es ihn überhaupt? Ist es gar falsch, nach dem Sinn des Lebens zu fragen? Kann das Leben umgekehrt uns nach dem Sinn fragen, also welchen Sinn es uns von uns erwartet, welchen wir dem Leben geben, anstatt zu hoffen, daß unserem Leben von außen Sinn erteilt wird?

Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. In einer Variation auf Kennedys berühmten Ausspruch könnte man sagen, daß man nicht fragen sollte, was das Leben für einen tun kann, sondern eher fragen, was man selbst für das Leben und damit den Sinn des Lebens tun kann.

Sinn ziehe ich aus der Bewährungsprobe, die da Leben heißt. Hart getroffen hat es mich schon, doch erwächst mir hieraus die Chance, den ganz persönlichen Herausforderungen, die da Leben heißen, mit Würde begegnen zu können.

Die persönliche Herausforderung

Leben, und damit der Sinn des Lebens ist es, sein persönliches Leben zu leben. Innerhalb dessen erscheint alles als Herausforderung. Deshalb sollte man es auch tunlichst unterlassen, sich selbst mit unangebrachten Vergleichen zumal mit Dritten zu malträtieren. Niemals sollte man mit dem Finger auf andere zeigen. Statt dessen sollte man nur für sich selbst etwas ändern.

Glück und Freude sind für mich erstrebenswerte Ziele innerhalb des Lebens. Vor Jahren noch hielt ich es für unmöglich, sie verwirklichen zu können, noch existierte der Glaube an sie, jemals wieder so etwas wie Freude oder Glück empfinden zu können.

Mit dem Rücken zur Wand stehend, ich wollte mich suizidieren, bäumte ich mich auf, denn ich hatte de facto nichts mehr zu verlieren, und wollte der Krankheit Depression mit Trutz begegnen und sich ihrer Einschränkungen entgegenstemmen.

Ein Jahr später

Ein Jahr später, der Zeitpunkt des Aufbäumens liegt im Mai 2006, liest sich meine Bilanz großartig. Nicht nur habe ich die Freude am Leben zurückerhalten, oder besser: erstmals wirklich empfangen, sondern ich habe vor allem viele meiner Ziele verwirklichen können.

Von der seelischen Last der Vergangenheit habe ich mich nicht befreit, sondern sie als Wissensschatz in mich integriert. Erfahrung und Erlebtes ist etwas, daß einem zu keinem Zeitpunkt genommen werden kann, so schmerzlich es auch sei. Was man daraus macht, ist des Menschen Chance.

Mir war das Glück beschieden, mich mit anderen Depressiven weltweit austauschen zu können. Mehr Zuspruch und liebe Worte, wie seit dem eigentlichen Bestehen des Depressiosnblogs im September 2006 habe ich in meinem ganzen Leben nicht erfahren.

Leugnen möchte ich nicht, daß ich einen hohen Preis dafür bezahle. Viele Jahre sind ins Land gezogen, welche ich nahezu in Apathie und schwer gezeichnet von der Krankheit in einer Art Kerkerhaft verbrachte. Mental wieder gut hergestellt, hemmen mich körperliche Einschränkungen an der weiteren Umsetzung meiner Ziele. Gegenwärtig besteht der Verdacht auf Narkolepsie. Unter der unbändigen Macht des Schlafensdranges wandle ich durch den Tag. Nachts ist mein Schlaf fragmentiert, häufiges Aufwachen ist die Regel.

Nietzsches kluge Worte

Nietzsche sagt einmal, „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt auch jedes Wie.“ Und bei genauerer Betrachtung ist es genau das, was auch in mir die beinah erstickte Flamme des Lebens wieder entfachte und zum Lodern brachte.

Ich vertraue darauf, daß meine Ziele größer sind als das, was ich bin. Ich vertraue darauf, daß das Leben mir einen Sinn gegeben hat und der heißt nicht, sich aufzugeben und den einfachsten Weg zu wählen, den der Flucht durch Suizid.

Umsetzen möchte ich, daß noch mehr Depressiven der Samen der Hoffnung eingepflanzt wird, daß auch sie wieder das Leben als lebenswert anerkennen, mutig und vor allem tatkräftig sich wider ihre Depression auflehnen und trotz der Krankheit Freude und Zuversicht am Leben empfinden.

Anleihen bei einem Architekten

Mittlerweile empfinde ich meine Tatkräftigkeit, das unermüdliche Suchen nach Verbesserung meines Zustandes, als einen größten Schatz. Betrachtet man sein Innerstes, die Seele als Architekten, der sich seine Werke namens Freude, Glück und Zufriedenheit selbst erstellen kann, so hat man die Möglichkeit, entsprechende Materialien zu beschaffen, die die tragfähige Bausteine des Unterfangens bilden.

Aus meiner Sicht fallen unter diese Materialien insbesondere alle Errungenschaften der modernen Medizin. Angefangen bei Antidepressiva über Stimmungsstabilisatoren bis hin zu Wachmachern gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, seine gewünschten Materialien aus dem Steinbruch der Wahl herauszubrechen.

Was im Inneren wirklich vor sicht geht

Tief im Inneren habe ich die letzte Entscheidungsgewalt darüber, wie mein Ich das Leben ausprägt und erträgt. Ich denke, daß dies die Innere Freiheit des Menschen markiert, ohne zu sehr ins Philosophische abzuschweifen, denn viel zu konkret und real ist die Depression, als daß man sie unnötig mit Metaphysik aufladen sollte.

Geboten ist, was hilft. Der Weg war sehr steinig und zum Teil wundere ich mich auch selbst, welche Hürden ich bislang genommen habe als auch wie ich sie nahm. Zum Teil banale Floskeln wie etwa der Ausspruch Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg entpuppten sich als zutreffend.

Wille und Weg stehen hier einmal für das Setzen eines Zieles und zum anderen für die Durchsetzung dessen. Präziser könnte man jedoch auch sagen, daß es nicht nur einen Weg gibt, sein Ziel zu erreichen, sondern deren mehrere. Des weiteren kann man auch das Ziel selbst variieren.

Mein übergeordnetes Ziel

Ich folge einem übergeordneten Ziel. Ich möchte als Architekt meines Wohlbefindens dieses steigern. Gegen die massive Tagesschläfrigkeit existieren wirksame Medikamente. Demnach lasse ich nichts unversucht, an diese heranzukommen, denn nur so lassen sich wiederum untergeordnete Ziele umsetzen, wie etwa das Lesen eines Buches, ohne nach wenigen Minuten zwanghaft über diesem schlafend zusammenzusinken. Ähnliches gilt auch für Kino-Besuche usf.

Ohne diese Wachmacher ist es mir auch nicht möglich, so am Erwerbsleben teilzunehmen, wie ich mir das wünsche. Erwerbsunfähigkeitsrente möchte ich für mich nicht beantragen und noch weniger möchte ich von Hartz IV existieren. Für ein Medikament, was knapp 250€ im Monat kostet, opfere ich nicht mein Leben und selbst dann nicht, wenn es 3000€ oder mehr kostete.

Geduld und Ausdauer

Das Umsetzen der Ziele benötigt Zeit und damit Geduld und Ausdauer bzw. Hartnäckigkeit. Rückschläge muß man hinnehmen. Überhaupt sind Nehmerqualitäten im Sinne von konstruktiver Betrachtung der Geschehnisse, die man vermeintlich als Rückschläge auffaßt, unerläßlich.

Den Anfang mach das eigene Ich. Materialismus und das Streben nach Vermögen sind nur ein Wertekonzept von vielen, welche man annehmen oder auch ablegen kann. Teils las ich mir wichtige Bücher im ganzen zehnmal und mehr, bis in mir der Gedanke verankert war, daß ich die Wahl meiner Werte und Ziele besitze und vieles, wenn auch nicht alles, mit dem Geist steuern kann.

Was das Ich steuern kann

Steuern kann ich Dinge unmittelbar oder indirekt. Wichtig ist nur, daß man die Zügel seines Lebens gestalterisch in die Hände nimmt. Keine Frage, ich habe meine Höhen und Tiefen, doch denke ich nicht an Aufgabe, was ich jederzeit tun könnte, aber nicht mein Ziel darstellt.

Kraft ziehe ich immer wieder aus meiner Umwelt und dem Austausch mit unmittelbar und mittelbar Betroffenen. Worte bewegen in der Regel mehr als Taten. Unzählige Menschen haben mir auf dem Weg zur Linderung bislang geholfen, welchen ich sehr dankbar dafür bin, im kleinen wie im großen, für mich gibt es da keinen Unterschied.

Jedem Depressiven möchte ich sagen, daß ich an ihn oder sie glaube und daß Du niemals die Hoffnungs aufgeben solltest. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch. Was ich schaffe, kannst Du erst recht schaffen. Denn Du bist etwas Besonderes, vergiß das nicht.



Ausdauer ist die Fähigkeit, selbst widrigste Lagen, die zwischen Start und Ziel liegen, zu überwinden. Langstreckenläufer etwa benötigen körperliche als auch mentale Ausdauer, um eine an sich nicht der menschlichen Fortbewegung entsprechende Tätigkeit zu verrichten. Wer hat nicht die Bilder schmerzgeplagter, aber gleichwohl erleichterter Läufer kurz nach der Zieleinkunft vor Augen? Innerlich brodelt es in den Läufern und man kann deren Anstrengung auch hören.

Was aber bedeutet es für Depressive, Ausdauer zu entwickeln? Zunächst einmal stellt sich die Frage, was Start und Ziel darstellen. Startpunkt dürfte der gegenwärtige Zustand sein. Mit dem Zieleinlauf verbinde ich nichts Negatives, also etwa Suizid-Maßnahmen, sondern im Gegenteil Linderung der Symptome, bis hin zum vollständigen Verschwinden dieser.

Auf dem Weg liegen zahllose Hürden. Mental ist es unerläßlich, sich auf das Ziel einzuschwören. Zu dieser Zielfixierung gehört auch, daß man erfahrenes Leid auf dem Weg dorthin annimmt. Vertrauen auf Symptomlinderung, ohne zu wissen, wie lange der Weg zeitlich andauern wird als auch Nehmerqualitäten sind also gefragt. Und das dürfte der heikelste Punkt des ganzen sein.

Depression und Ausdauer – paßt das wirklich zusammen?

Wie war das bei mir? Nun, ganz einfach. Ich war abgestürzt, und konnte nach meiner Ansicht nicht wirklich tiefer fallen, also noch mehr weltliches Leid ertragen. Die Hoffnungs auf genau das, was ich zu entwickeln hatte, nämlich Symptom-Linderung, hatte ich gänzlich fahren lassen, ganz gleich ob mit oder ohne Diagnose meiner Krankheit. Folglich stand ich vor der Wahl, in den sicheren Suizid abzurutschen oder ein anderes Ziel ins Auge zu fassen, das da hieße anzukämpfen wider meine Krankheit.

So einfach sich das anhören mag, so einfach war es auch in der Praxis. Es bedurfte nur etwas Geschick. Als ich den Entschluß faßte, zu kämpfen, entwickelte ich einen Zeitplan, an den ich mich von Anfang an hielt. Zwei Jahre gab ich mir, alles auszuprobieren, was an wirksamen Methoden auf dem Markt erhältlich war, auszuprobieren. Wenigsten eine beträchtliche Linderung wollte ich hierbei erreichen. Erst dann wollte ich erneut resümieren und entscheiden, was nun zu tun sei.

Wer mit dem Rücken zur Wand steht…

Dahinter steckte der Gedanke, daß ich mich immer noch umbringen konnte, sofern meiner Krankheit nicht deutlich beizukommen wäre. Demnach wäre schlimmstenfalls der Suizid nur aufgeschoben worden, bestenfalls konnte ich alles gewinnen. Bildlich gesprochen stand ich mit dem Rücken zur Wand. An dieser konnte ich hinabsinken und zerbrechen oder mich mit meinem letzten mir zur Verfügung stehenden Kräften kühn abstoßen und mich auf das Abenteuer Krankheitsbekämpfung einlassen.

Das war die mentale Seite des für mich entwickelten Ausdauerkonzepts. Körperlich kam ich für mich darüber ein, daß ich mich nicht auf halbherzige Experimente, wie sie für mich homöopathische und sonstige kräutergestützten Therapien darstellten, einlassen würde. Schließlich lag bei mir eine (sehr) schwere Depression vor und der evaluierte, das heißt wissenschaftlich gesicherte Stand der Medizin war zu diesem Zeitpunkt, daß Medizin aus dem Bereich Psychopharmaka Mittel der Wahl sein würden.

Die Wahl der Mittel: Psychopharmaka

Angst vor Medikamenteneinnahme wäre hier kontraproduktiv gewesen. Gott sei Dank besaß ich diese niemals. Dementsprechend stellte diese auch keine Hürde für mich da. Fortan las ich sehr viel über Psychopharmaka und versuchte mein eigener Psychiater zu werden. Anhand dieses Vorbildes richtete ich meine persönlichen Therapiepläne aus. Vorschläge bei der Medikamentenwahl unterbreitete ich deshalb meinem Psychiater, der schlußendlich aus der Rolle des Supervisors, der meinen Heilungsprozeß alleine leitete und überwachtem, für mich mehr und mehr zu einem kollegialen Partner wurde, der auch akzeptierte, daß ich experimentieren wollte. Für diese Form der im Wortsinne Zusammenarbeit bin ich meinem Psychiater, Herrn Dr. Kanthak aus Bad Soden/Ts. dankbar verbunden.

Die Entscheidung, Paroxetin (Paxil/Paroxat) als Antidepressivum zu nehmen, kam von ihm. Bis dato war ich als (unipolar) depressiv eingestuft worden. Erst durch das viele Lesen oder besser: studieren von Informationen über die Depression aus klinischer Sicht entdeckte ich bei mir eine (hypo-) manische Sicht. Mit dem Befund ging ich zum Psychiater und sprach die Symptomatik kritisch durch. Seitdem war ich präziser auf manisch-depressiv (bipolar II) diagnostiziert worden.

Daraus folgte auch, daß ich einen Stimmungsstabilisator, nämlich Lamotrigin (Lamictal) erhalten sollte. Vorgeschlagen wurde dieses Mittel von mir, nachdem ich seitens Monica in einem Forum hierzu entsprechende Informationen erhielt. Ein genialer Tip, wie sich herausstellen sollte.

Die ersten 10 Monate des Weges vergingen

So schwang ich mich binnen 10 Monate (Mai 2006 begann meine Therapie beim Psychiater) von Erfolgserlebnis zu Erfolgserlebnis. Doch wo waren die Hürden? Wo waren die Abgründe meiner Depression geblieben? Sie waren da, und das nicht zu knapp. Oft haderte ich mich mit und auch meinen Psychopharmaka. Mut gaben mir nur mein Zeitplan und der feste Glaube, daß der tiefe Schmerz, der durch den Stachel Depression ausgelöst wird, nur vorübergehender Natur sein würde. Zwei Jahre, nur diese Zeitspanne wollte ich gewissermaßen im Extremfalle Masochist spielen.

Mittels Selbsthilfetechniken begann ich, Rückschläge konstruktiv zu verarbeiten. Nicht mehr auf negativen Erlebnissen verweilte ich, sondern nahezu ausschließlich auf Erfolgserlebnissen. Diese stellten sich von selbst ein, wenn man ihnen nur Beachtung schenken würde. Und genau das tat ich.

An Psychopharmaka und weiteren Mitteln habe ich während dieser Zeit unter anderem folgende konsumiert:

  • Sertralin (Zoloft)
  • Paroxetin (Paxil/Paroxat)
  • Lamotrigin (Lamictal)
  • Modafinil (Provigil/Vigil)
  • Medikinet (Ritalin, Methylphenidat)
  • Bibliotherapie

Aus meiner Sicht denke ich, daß mein fester Wille und auch die bewußte Entscheidung, daß mir Psychopharmaka helfen würden, einen entscheidenden Vorteil brachte, der mir bei der Linderung meiner Symptome einen Vorteil brachte.

Wie geht es Dir denn heute im März 2007?

Heute, das heißt am 22.3.2007, fühle ich mich blendend und erholt. Noch sind die zwei Jahre nicht herum. Doch mein erstes Fazit lautet: Gut gemacht, René. Ich bin stolz auf mich. Stolz vor allem deshalb, weil ich Perspektive in der Not entwickelt habe. Und stolz bin ich auch deshalb, da diese Methode jeder für sich nutzen kann. Sie steckt in Dir drin. Nur freischaufeln mußt Du sie selbst.

Ausdauer entwickelst Du, indem Du nutzt, was Dir die Medizin bietet. Du hast ein Recht auf Glück. Ob und wie Du es nutzt, mußt Du entscheiden. Oftmals hilft eine kleine Änderung des Kompasses. Probiere es aus, denn was ich kann, kannst Du schon lange! :)



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