Archive for January, 2008

Jan
31
Filed Under (Ritalin) by Rene Kriest on 31-01-2008

Einer aktuellen Kritik der Behandlung von ADS mittels Ritalin in der Online-Ausgabe der Jungen Welt folgend, drängt sich mir folgender Gedanke auf:

Hochinteressant wäre es für mich zu erfahren, wie Herr Emeritus Huisken reagiert hätte, wenn unter seinen Studenten ausnahmslos ADHSler mit ausgeprägtem Hang zur Hyperaktivität gesessen hätten.

Nur zu gerne würde ich es auch jetzt noch auf ein Langzeitexperiment ankommen lassen, ob Herr Huisken als ehemaliger Dozent an der Uni Bremen willens und in der Lage gewesen wären oder sein könnte, unter diesen ritalinslosen Bedingungen lehren zu können, ohne selbst arg gebeutelt zu werden durch die Auswüchse der herumtollenden Studenten, die kraft ihrer in Mitleidenschaft gezogenen Konzentration in Kombination mit Hyperaktivität Herr Huiskens Vorlesungen nicht wirklich sinnhaft hätten bestreiten könnten.

Extremalbedingungen sind immer wieder eine Feuerprobe für Theorien, die andere schelten. Ob man bereit wäre die sprichwörtliche eigene Medizin auch zu schlucken, die in diesem Falle nicht Ritalin sein dürfte, steht nämlich auf einem ganz anderen Blatt. ;)



Jan
30
Filed Under (Allgemeines) by Rene Kriest on 30-01-2008

Was waren meine wichtigsten Erkenntnisse innerhalb der vergangenen zwei Jahre, also seit Diagnose meiner schweren depressiven Episoden? Was habe ich auf dem Weg voran ins Glück gelernt und kann ich weiterempfehlen?

Bestreben und Anliegen von mir – und das ist die Kernbotschaft meiner Arbeit in diesem Blog – ist, daß man niemals aufgeben soll, sich von Depressionen unterkriegen zu lassen – auch Du nicht.

Der erste Schritt, das Leben trotz Depression genießen zu können, besteht darin, sich gedanklich von der Depression zu lösen. Wer in sich nicht den tiefen Glauben an Besserung eingräbt, wird sich ewig im Kreise drehen und im Bannkreis der unheilvollen Macht der Trübsalkrankheit Nr. 1 verhaften bleiben.

Gemeint ist der Gedanke an Besserung, nicht an Heilung, sondern gradueller Linderung. Wer einen Berg besteigt, muß an den nächsten Schritt denken und nicht, wie er auf den Berggipfel gebeamt werden kann, wenn es das Beamen noch gar nicht gibt. So verhält es sich auch mit der Depression.

Auf die Hoffnung und den Glauben folgt das Vertrauen. Definieren kann man Vertrauen als festes Wissen um das Erreichen eines Zieles. Wer sicher weiß, daß er in Zukunft Ziel X erreichen wird, der kann gelassen dem Erreichen entgegensehen. Auf die Geschwindigkeit kommt es sodann nicht so sehr an; das unterscheidet Ungeduld von Vertrauen.

Weshalb aber ist es von eminenter Bedeutung, sich gedanklich von seiner Krankheit zu trennen, sie immer mehr zu distanzieren?

Zu Beginn meiner Diagnosestellung bzw. als ich sie für mich angenommen hatte, konnte ich viele meiner Handlungen und Taten erklären, gar versuchte ich sie zu rechtfertigen, was man gemeinhin nur bei unliebsamen Entscheidungen zu tun pflegt wider sich selbst als auch Dritte. Was ehedem Befreiung von seelischer Last versprach und auch wirkte, entpuppte sich jedoch schon bald als Entschuldigungsparadies für läßliche Taten. War meine Krankheit dereinst noch Erklärung, war sie fortan oftmals Ausrede nach dem Schema „Ich kann nicht, weil [ich depressiv bin und Depressive nun einmal X sind].“

Rasch wurde diese Denkweise zur Gewohnheit, auf Fragestellungen des Lebens folgte reflexartig eine Ausrede und Entschuldigung aus der Asservatenkammer der depressiven Symptomatik. Kam ich zu spät oder vergaß ich etwas, lag es an der Depression. Meldete ich mich nicht, war die Depression verantwortlich. Reagierte ich gereizt, war nicht ich der Übeltäter, nein!, der Sündenbock war selbstverständlich die Depression.

Ein solches Leben ist die Kehrseite der Medaille Depression. Da die Depression selbst keine positiven Seiten hat – was soll an einer Krankheit toll sein, die einen in den Suizid treibt?! – wurde mit dieser weiteren negativen Seite der Medaille damit ein verhängnisvoller Teufelskreislauf geschlossen. Fortan hatte man ein Patentrezept fürs Ausflüchtegestalten für jede beliebige Lebenslage parat, welches auch weidlich benutzt wurde.

Auf Außenstehende wirkte das sich immer schneller drehende Karussell der Lebenslügen abschreckend. Gottlob glücklich über mein neues Weltbild, das meine Unzulänglichkeiten und alltäglichen Fehltritte prima rechtfertigen konnte, entwickelte ich mich auf Betrachter in meinem Umfeld zu einem Jammerlappen – eben einem negativen Depressiven verstanden als doppelt Depressiven, einem depressiven Depressiven (zu der Erklärung des Begriffs komme ich sogleich).

Depressive Depressive verkehren Ursache und Wirkung. Vollkommen richtig ist, daß Depressiven das Leben zur Last geworden ist; unbenommen ist und bleibt, daß sie unter Einbußen zu leiden haben, die teils erheblich sind; unbestritten ist zudem, daß man sich ob der organischen Natur der Depression auch selten dazu motivieren kann, sich überhaupt motivieren zu können, also Lust auf Lust an Dingen zu haben; zutreffend ist andererseits auch, daß man an dem Zuständ was ändern kann und unbedingt auch tun sollte – um seiner selbst willen.

Unpünktlichkeit, Unzufriedenheit, Unzuverlässigkeit – all das markiert ein negatives Spiegelbild vorzugswürdiger Eigenschaften und Angewohnheiten. Vormals litt man unter den Eigenschaften, weil man depressiv war. Mittlerweile aber paßte das Gewandt so gut, daß man keine Ambitionen mehr hegte, auch nur nach Erreichen des positiven Zustandes. Weshalb pünktlich sein? „Ich bin unpünktlich, weil ich depressiv bin!“ lautet nunmehr das Credo.

Benutzt man die Wörter trotz und wegen, wird der Zusammenhang deutlicher. Unzuverlässigkeit wegen Depression ist das eine; Unzuverlässigkeit trotz Depression etwas anderes. Letzterer Trotz-Fall markiert exakt das eigentliche Dilemma, daß die negative Depression beschreibt: anstatt sich positiv von dem peinvollen Zustand der Depression zu befreien, instrumentalisiert man künftig die Krankheit als Feigenblatt seiner Fehler, indem man mißliebiges Verhalten auch vor sich selbst durch Rationalisierung zu rechtfertigen versucht.

Litt man vorher unter der Unpünktlichkeit und war sie einem unangenehm, konnte man sodann für sich in Anspruch nehmen, erklären zu können, weshalb man nicht zur verabredeten Zeit einer Vereinbarung nach kam. Ohne schlechtes Gewissen konnte man für alles die Krankheit verantwortlich machen.

Der Preis, welchen man für solche Ausreden bezahlt, ist ein hoher. Er setzt sich aus Selbstbetrug und Vernichtung von Lebensqualität zusammen, wenn man sich selbst jedweder Verantwortung freispricht: „Ich konnte nichts dazu, das war die Krankheit!“

Lethargie kommt darin zum Ausdruck nicht aber Kampfgeist. Aufgabe und damit Pflicht jedweder Therapie ist es, den Blick des Erkrankten nach vorne zu richten, in dem Depressiven den Keim der Hoffnung auf Besserung einzupflanzen. Sichertester Weg, sich selbst das Wasser abzugraben ist jedoch, sich zu verstecken, indem man bewußt nach Ausreden sucht.

Das Geheimnis, daß ich der Krankheit entlockte, lautet „trotzdem“ – trotz der Krankheit kann man eigentlich recht gut leben und auch glücklich sein. :)



Kaum eine menschliche Bindung entscheidet über Wohl und Wehe der Linderung der Depression mehr als nämliche Beziehungsebene. Verallgemeinernd könnte man besser auch vom Therapeuten-Patienten-Verhältnis sprechen. Derart umrissen, umfaßt das Geflecht nämlich auch begrifflich Psychologen, die eine tragende Rolle bei der Depressionsbehandlung markieren.

Zu Beginn der Therapie - so sie denn bei Depressiven überhaupt erfolgt und damit überhaupt schon als ein großer Erfolg gewertet werden kann, ganz gleich wie sie ausfällt - empfindet sich der Patient zumeist als bloßer Empfänger, der sich mehr oder weniger widerwillig oder folgsam den Anweisungen des Arztes unterwirft. Ähnliches gilt für Therapiesitzungen bei Psychologen, deren Rat man zu Anfang gerne nachkommt.

Risse bekommt das Verhältnis für gewöhnlich unter 2 Bedingungen. Tauchen atmosphärische Störungen auf, die überwiegend auf der Sympathieebene angesiedelt sind, so wiegt dieser Punkt und damit Riß am schwersten. Dicht gefolgt heftet sich Unbehagen hinsichtlich der Behandlungsform an die Fersen der Sympathiefrage.

Ohne Sympathie kann kein Behandlungserfolg gewährleistet werden. Sympathie ist das Bindeglied der Menschen untereinander. Sämtliche Aspekte treten vor diesem Punkt in den Hintergrund. Vor Therapeuten macht diese anthropologische Konstante keinen Halt. Gleichfalls sind auch sie von dieser beeinflußt.

Interessanter ist jedoch die brüchige Liaison unter dem Gesichtspunkt der Behandlungsform und auftauchender Divergenzen, was nun dem Befinden des Patienten am dienlichsten sei. Über die Selbstbestimmung eines Patienten hinaus kann kein Therapeut behandeln, sein Einflußbereich endet mit der Kooperationsbereitschaft dieses. Versagt der Patient die Gefolgschaft, bricht auch die Behandlung entzwei, ganz gleich ob dieser Bruch offen und damit nach außen sichtbar wird, oder im verborgenen durch Ausbleiben zu den Terminen als auch innerer Verweigerung getragen wird.

Ich vertrete den Standpunkt, daß sich der Patient jenen oder jene Therapeuten suchen solle, die er für sich als hilfreich und dienlich erachtet. Keine Therapie der Welt wird dauerhaft anschlagen, wenn der Patient sie nicht mitträgt. Innere Rebellion führt zur Verweigerung der Therapiegefolgschaft, der Patient baut gewaltige innere Barrieren auf, die kaum zu durchdringen sind.

Richtschnur einer guten Behandlung ist für mich überwiegend der Rückgriff auf immaterielle Faktoren. Ausschlaggebend halte ich die Intuition. Jeder Depressive entwickelt rasch ein Gespür dafür, was ihm guttut und was nicht.

Vor jedem Therapiebeginn muß eine umfassende Aufklärung über die Ziele der Depressionsbehandlung erfolgen, und zwar mit dem Blick aufs große Ganze. Ziel muß es sein, daß der Patient selbständig und unabhängig wieder Freude und Zufriedenheit empfinden kann. Auf diesem Wege wird ihn das Gefühl leiten, daß er während und zwischen den Therapiesitzungen bei dem jeweiligen Therapeuten entwickelt und anschließend mit sich forttragen wird; ansonsten irrlichtert der Patient wirr vor sich hin.

Fällen muß jeder Depressive für sich die Entscheidung, glücklich werden zu wollen und auch werden zu können. Mit dieser Einstellung muß ein Depressiver an jedwede Behandlung herantreten. Aussuchen muß sich jeder Depressive sodann die für diesen Zweck tauglichsten Anziehungspunkte innerhalb der möglichen Behandlungsformen.

Der Therapeut wird vom Patienten bestimmt und gewählt, nicht umgekehrt. Hinter diesem Entschluß steckt viel Verantwortung. Rückblickend dürfte dieser Entschluß wiederum wahrscheinlich der bedeutendste Schritt des Patienten raus aus der Krankheit Depression sein. Äußerlich ein kleiner Schritt, innerlich stellt er jedoch einen großen Sprung dar.



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