Archive for February, 2007

Was also tun, wenn einem selbst Verrichtungen des Alltags schwerfallen, Bahn-Fahrten zu Qual werden, nämlich zu einer Fahrt im Gedankengefängnis? Wie sollte ich überhaupt etwa Tätigkeiten unter Beobachtungen, wie etwa in einem Gemeinschaftsbüro nachgehen, ohne mich konzentrieren zu können?

Ein Ausweg mußte gefunden werden. Und dieser war in der Theorie schlagend einfach: therapieren. ;)

Therapie – oder: Fazit und Resümee

Schlußendlich aus dem Schlamassel herausgezogen hat mich mein Antidepressivum Paroxetin. Erst durch dessen Wirkung und damit dem weitgehenden Wegfall der Sozialphobie wurde mir erst klar vor Augen geführt, wie weit ich von der Sozialphobie überhaupt beeinträchtigt war.

Angesichts des schleichenden Prozesses, mit welchem die Sozialphobie sich langsam, aber dennoch zu meinem Nachteil fortschreitend, sich meiner bemächtigte, hielt ich meinen Zustand für wenig ungewöhnlich. Ich machte andere Faktoren für meine Sozialphobie verantwortlich und nicht eine Krankheit und schon gar nicht die Depression.

Wieso therapieren? Ich war doch selbst schuld! – Oder doch nicht?

Ich war davon überzeugt, daß der Grund in mir selbst zu suchen wäre, daß ich durch meine Lebensführung mich selbst in diese Lage manövriert hatte und es umgekehrt auch wieder in der Hand hatte, mich da rauszubugsieren. Doch, und damit schloß sich der Teufelskreislauf, hierzu wähnte ich mich nicht genügend motiviert. Es blieb also dabei: ich war selbst schuld – und nicht irgendeine Krankheit.

Teils hatte ich nämlich bessere und teils wiederum schlechtere Tage. Folglich, kombinierte ich, spräche dies gerade dafür, daß ich an manchen Tagen die Sozialphobie besser im Griff hätte, als an anderen. Ein gefährlicher Trugschluß!

Schwankungen der Sozialphobie

Mittlerweile weiß ich, daß die Sozialphobie Schwankungen unterliegt und daß sie auch schubartig verläuft, entsprechend der Stärke der Ausschläge der depressiven Episoden. Daher sollte man sich bei einer leichten Besserung der Sozialphobie wie ich zu jener Zeit nicht täuschen lassen, sie sei überwunden, sondern eher diese bessere Phase zu Erledigungen im Haushalt etwa nutzen.

Wann Medikamente nehmen und wann Psychotherapie in Anspruch nehmen?

Aus meiner Sicht ist im Falle einer mittelschweren bis schweren Sozialphobie die Einnahme von Antidepressiva unumgänglich. Manche lehnen die Einnahme von Antidepressiva bei leichter Depression ab. Ich bin jedoch anderer Ansicht. Gerade im Falle leichter Depression fällt auch entsprechend die Dosis des Medikamentes gering aus. Umgekehrt verschwindet die Sozialphobie unter dem Eindruck der Medikamente ziemlich rasch.

Weniger überzeugt bin ich von der psychotherapeutischen Behandlung der Sozialphobie. Ich betrachte diese Form der Therapie als Ergänzungsmaßnahme im Anschluß an eine medikamentöse Behandlung. Die Reihenfolge ist also zu beachten.

Die Therapie-Reihenfolge gilt es zu beachten

Begründet liegt diese Ansicht darin, daß die Psychotherapie meiner Meinung nach nicht die Ursache, sondern die folgen der Sozialphobie behandelt. Dem Betroffenen werden kognitive Mittel an die Hand gegeben, wie man Schübe der Phobie erkennen kann und versucht, entsprechend rational gegenzusteuern.

Mir kommt das einer Verdrängung oder Unterdrückung der Phobie gleich. Antidepressiva dagegen gehen die Phobie auf biochemische Weise an. Deshalb ist die Phobie, sobald das Medikament greift, auch wie weggeblasen. Erst aufbauend darauf sollte man sich, falls notwendig, den Feinschliff mittels Psychotherapie holen.

Ich bin ohne Psychotherapie ausgekommen bzw. habe die Therapie abgebrochen, da es bei mir nach Einnahme des Antidepressivums nicht mehr viel zu behandeln gab. Je nach Einstellung zu Medikamenten und Therapieansätzen mag jedoch jeder seine eigenen Präferenzen hinsichtlich der Behandlungsart – Medikamente oder Psychotherapie – besitzen. Jeder sollte sich hier seine eigene Ansicht bilden.

Im Falle des Falles: wie ich vorgegangen bin

Ganz gleich: entdeckt man an sich sozialphobische Züge, halte den Gang zum Psychiater, also dem entsprechenden Experten auf diesem Gebiet, für unumgänglich beziehungsweise ich empfehle dringend hierzu. Gegebenenfalls wird dieser dann eine Überweisung an einen Psychotherapeuten in die Wege leiten. Des weiteren empfehle ich den Sozialphobikern, sich jemandem anzuvertrauen, möglichst mit der Intention, daß diese Person euch zum Psychiater begleitet.

Nur zu häufig scheuen die Erkrankten trotz Wissens um ihre mögliche Diagnose, nämlich Sozialphobie, den Gang zum Psychiater, gerade weil sie lieber zu Hause bleiben und ihre Ruhe haben wollen. Sanfter Druck, oder anders gewendet, Team-Work im Sinne des „Gemeinsam sind wir stark!“ verschafft Abhilfe.

Selbsthilfegruppen in Anspruch nehmen

Wer unsicher ist, ob er unter Sozialphobie leidet oder sich niemandem anvertrauen will, der sollte zunächst einmal eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Gerade das Internet bietet hierzu einen schnellen Zugriff auf diese bei nahezu völliger Anonymität.

Empfehlen möchte ich das Forum unter dem Link Depri.ch. Aus meiner Sicht ist es nicht nur das größte seiner Art, sondern auch kraft der Tatsache, daß sich dort nahezu ausschließlich Betroffene tummeln, die größte Austauschplattform für Erfahrungen über Depression und entsprechende Begleiterscheinungen wie Sozialphobie usf. Angemeldet bin ich dort unter dem Nickname Rene_ und stehe selbstverständlich auch dort mit meinen Erfahrungen zur Verfügung.

Weshalb therpieren?

Kurz nachdem das mit verschriebene Antidepressivum Paroxetin wirkte, fühlte ich eine enorme Spannung und Last von mir fallen. Gedanklich fühlte ich mich frei – erstmals seit vielen, vielen Jahren. Keine störenden Zwischengedanken, Vorbehalte, „Was wäre wenn?“-Szenerien oder zwanghaftes Hineinversetzen in die Gedanken anderer oder der Versuch des Gedankenlesens störten meine Gedanken.

Frei! Frei! Frei!

Die ehedem offenstehende Luke für den ungehemmten Einfall dieser Gedanken in meine Psyche wurde verrammelt. Nichts drang mehr von außen ein. Nunmehr konnte ich für mich entscheiden, was ich an Einflüssen aus der Umwelt annahm, und in mir aufnahm. Kaum ei Gedanke der Außenwelt, der nicht auf dem Prüfstand stand, kaum eine das Selbstwertgefühl belastende Äußerung drang durch den sachlichen Filter hindurch.

Rausgehen konnte ich nunmehr völlig unbeschwert. Der Gang ins Stadion mitsamt 50.000 anderen Menschen, Parties oder Menschenaufläufe in der Stadt, all das war unbeschwert möglich geworden – wenn ich es denn wollte.

Wie sieht es mit Rückfällen aus?

Rückfälle habe ich kaum erfahren. Abhängig vom Maß der depressiven Episoden sickerte auch immer mal wieder die Sozialphobie durch, wenn auch nur noch in ganz geringem Umfang. Gegenwärtig fühle ich mich immer noch frei und auch glücklich, dieses Jochs benommen worden zu sein. Konzentration ist wieder möglich, ebenso wie das freie Atmen auf einem Platz voller Menschen.

Und die Bahn-Fahrten? Mit Bus und Bahn fahre ich lieber, als je zuvor. Ich genieße es förmlich! ;)

Zusammenfassend machte ich folgende Erfahrungen mit der Krankheit Sozialphobie:

  • Sozialphobie ist eine massive Beeinträchtigung der Selbstentfaltungsmöglichkeiten
  • Sozialphobie ist in der Regel eine Begleiterscheinung der Depression
  • Über die Symptome der Sozialphobie wird man häufig erst auf die Depression aufmerksam
  • Die richtige Anlaufstelle in solchen Fällen ist der Psychiater. Gegebenenfalls überweist dieser einen auch weiter an einen Psychotherapeuten.
  • Die Symptome sind gut in den Griff zu bekommen.
  • Man fühlt sich nach der Behandlung befreit.
  • Die Angst vor Menschen und unangenehmen Situationen ist nahezu vollständigverschwunden.
  • Lebens-Optimismus kann kaum im Umfeld von starker Angst ausgebildet werden.
  • Nach der Behandlung der Sozialphobie kommt auch der Elan zurück.
  • Teilnahme an einer Internet-Selbsthilfegruppe rate ich an.
  • Zuerst sollte man aus meiner Sicht einen Psychiater und dann gegebenenfalls eine Psychotherapie in Anspruch nehmen.
  • Schaffst Du es alleine nicht, zum Arzt zu gehen, vertraue Dich jemandem an verbunden mit der Bitte, Dich zum Arzt zu begleiten und möglicherweise auch gleich den Termin zu vereinbaren.

Ich wünsche Dir alles nur erdenklich Gute. Geh Deine Sozialphobie an. Es lohnt sich! :)

Gerne möchte ich etwas über Deine Erfahrungen im Umgang mit der Sozialphobie erfahren. Hast Du ähnliche Erfahrungen wie ich gesammelt?



Feb
04
Filed Under (Links) by Rene Kriest on 04-02-2007


Die bereits als Fernsehtip erwähnte Sendung „Rätsel Depression – heimliche Volkskrankheit?“ wird heute abend, den 3.2.2007, um 23:20 Uhr auf 3sat wiederholt. Danke für den Hinweis, Nougi! :)

Wer also den ursprünglichen Sendetermin verpaßt hat, zu welchen auch ich zähle, hat nun noch einmal die Chance, in Genuß der Sendung zu kommen. :)



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