Archive for September, 2006Eine Frage, die ich mir im Zusammenhang mit vornehmlich meiner Depression stelle ist jene, ob in meinem Falle einer chronischen schweren Depression zum einen eine Krankheit vorliegt, darüber hinaus aber auch eine Behinderung attestiert werden kann. Von manchen unter depressiven Störungen Leidenden ist mir bekannt, daß sie ihre Krankheit nicht nur als Behinderung empfinden, sondern auch versucht und teils auch erfolgreich erreicht haben, daß diese als amtliche Behinderung anerkannt worden ist. Behinderung und „Behinderung“Nun gilt es zu unterscheiden. Einmal gibt es den landläufigen Begriff und des weiteren den medizinischen Begriff der Behinderung. Der erstere wird großzügiger und bisweilen abwertend verwendet, während der zweite an Krankheitsbilder und ärztliche Expertise gekoppelt ist, welche wiederum Grundlage und Voraussetzung einer möglichen amtlichen Anerkennung ist. Zweifelsfrei fühle ich mich bisweilen stark eingeschränkt durch meine Erkrankung. Teils verweile ich tagelang im Bett und sehen mich danach, die Augen schließen zu können, um dem gefühlten Elend entkommen zu können. Zwischenzeitlich hat sich durch das Medikament Paroxetin, das ich einnehme, für mich ein, verglichen mit dem Status quo ante, großes Zeitfenster produktiver Teilnahem am täglichen Leben eröffnet, das ich um nichts in der Welt missen möchte. Einbußen liegen dennoch vor und zwar in Form von Nebenwirkungen. Diese nehme ich aber gerne in Kauf und auch die Auswirkungen fallen marginal aus, stets unter der Prämisse des Kontrasts zum früheren, behandlungsfreien Zustand. Empathie mit anderen BehindertenGroße Sympathie hat mich gerade in jüngster Vergangenheit für andere Menschen mit Behinderung ergriffen. Mittlerweile hat mir der Umgang mit der eigenen Beschränkung, die mir die Krankheit setzt, die Augen geöffnet für andere Menschen mit Behinderung. Empathie ist hier das Zauberwort und der Schlüsselbegriff. Anerkennen muß und mußte ich mich so wie ich bin. Das heißt zuvörderst, daß ich gewiß unter massiven Einschränkungen mein Leben zu fristen habe. Das Tückische an einer depressiven Störung ist ja gerade, daß sie rezidivierend, also wiederkehrend ist. Depression im Vergleich mit anderen KrankheitenVergleiche mit anderen Krankheiten veranschaulichen dies. Wer eine Krebs-Erkrankung überstanden hat weiß, daß sich erneut Krebs bilden kann. Wer Zuckerkrank ist, muß ebenso regelmäßig Insulin spritzen. Ähnliches gilt auch für mich. Mental hat mich die vorübergehende Einschätzung, behindert zu sein, befreit. Druck hatte ich nicht mehr verspürt, im Gegenteil. Da ich nunmehr um meine Schwächen weiß, konnte ich um so besser auch meine Stärken identifizieren – und diese baue ich fortan immer weiter aus. Ich bilde mir nicht ein, vollständig gesund zu sein (wer ist das auch schon?); umgekehrt versuche ich aber auch nicht, meine Behinderung als Alibi zu mißbrauchen. Dies ist ein schwieriger Spagat. Doch erst, wer sich anzunehmen weiß hinsichtlich seiner Stärken und Schwächen, die sich wechselseitig begrifflich bedingen, kann ein Leben mit reinem Gewissen führen und möglicherweise auch erst Vertrauen als auch Verständnis bei der Umwelt erzeugen. Wie heißt es so schön beim Orakel von Delphi: Erkenne Dich selbst! Wie siehst Du das? Wie gehst Du mit Deinem Befund um, Depressionen zu haben? Seit Freitag befinde ich mich nunmehr in der fünften Woche der Einnahme von Paroxetin, dem zweiten Antidepressivum, das ich eingenommen habe. Zeit also, um ein kleines Resümee zu ziehen. Unter dem Strich bin ich mit dessen Wirkung sehr zufrieden und zwar in folgenden drei Punkten: Rückfallprophylaxe Wohl der wichtigste Punkt! Insgesamt bin ich emotional wesentlich stabiler geworden und die häufigen Gemütsausschläge haben sich sowohl hinsichtlich der Ausschläge ins negative (bis hin zu Selbsttötungsabsichten) als auch ins positive (hypomanische Phasen) auf ein erträgliches Maß normalisiert, so daß ich mittlerweile wieder im wesentlichen die Kontrolle über meine Gefühlswelt habe und rational gegensteuern kann. Einzig zwei schwerer wiegende Rückfälle von einmal eineinhalb und zwei Tagen, also über eine Gesamtdauer von insgesamt dreieinhalb Tagen waren zu beklagen, die mich unwillkürlich ins Bett zwangen. Verglichen mit der Wirkung von Sertralin ist das ein riesiger Fortschritt, zumal auch die Frustrationstoleranz gegenüber der täglichen Unbill und den Widrigkeiten des Alltags massiv gestiegen ist. Alltagsverrichtungen fallen mir ebenfalls nicht mehr so schwer. Antrieb Mehr und mehr wundere ich mich über mich selbst, wenn ich meine guten bis sehr guten Tage mit den Tagen meiner depressiven Phase vergleiche. Beinahe schon wie ein hochproduktiver Mensch mute ich an. Viele Dinge, auch objektiv Sichtbares, habe ich verändert und bin viele meiner Wünsche angegangen, so daß man endlich wieder von einer Zielorientierung in meinem Leben sprechen kann. Ohne das Paroxetin wäre mir das nicht möglich gewesen. Nach tiefer Introspektion hatte ich gerade um die Abitur-Phase herum eine äußerst produktive Zeit, in der ich viel gestaltend aktiv war. Das ist das Ziel und auch – wenn man sich selbst zum Vorbild nehmen möchte – mein inniger Wunsch, an alte Zeiten anknüpfen zu können. Optimismus Unter Wegfall von Rückfällen als auch mit gesteigertem Antrieb bleibt eigentlich nur noch die Möglichkeit auf mentaler Ebene, optimistisch ins Leben zu blicken – sofern man das gute Gefühl auch rationalisiert und sich ein konstruktives und positives Weltbild durch Übung erarbeitet. Hieran arbeite ich mit unermüdlichem Elan und Fleiß. Bereits erwähntes Buch hilft mir merklich hierbei. Dessen Übungen versuche ich immer wieder, im täglichen Leben anzuwenden und zu nutzen. Mittlerweile habe ich Paroxetin ausgeschlichen und damit abgesetzt. Entsprechende Informationen zu diesem Prozeß habe ich veröffentlicht. |